YES "Yesspeak" [2DVD] (Warner Music, VÖ: 06.10.2006)

Von YES gibt es bereits einige DVDs: Greatest Video Hits, Yes Years, 35th Anniversary Concert - Songs from Tsongas, 9012 Live, Yessongs und Yes Acoustic, um nur einige zu nennen. Aber die Geschichte der Band ist lang und hat viele Facetten, etliches lässt sich da noch veröffentlichen, die Fans sind und bleiben neugierig, der unübersichtliche Bootleg-Markt wird überschwemmt mit zum Großteil in extrem schlechter Qualität aufgezeichneten Konzerten - da ist es sinnvoll, offizielles - und vor allen Dingen sound- und bildtechnisch exzellentes Material anzubieten.
Die 2DVD Yesspeak hat mit der Musik von Yes nur in zweiter Sicht zu tun, zuerst geht es um die Story der Band aus der Perspektive des so genannten klassischen Line-Ups: Jon Anderson (voc), Steve Howe (g), Chris Squire (b), Alan White (dr) und Rick Wakeman (key). Die beiden DVDs befassen sich mit der Geschichte von YES, lassen aber diverse Teile aus, und zwar die, in der die Band in anderer Besetzung gearbeitet hat. Solche Phasen werden höchstens kurz angesprochen, am ausführlichsten erzählt in dieser Hinsicht Rick Wakeman, der immer wieder ein- und ausstieg, was er anschaulich begründet. Leider jedoch gehen gerade kritische Phasen und andere Mitmusiker fast vollständig unter. Das Cover von "Drama" wird mal kurz gezeigt, nachdem Jon Anderson und Rick Wakeman von ihrem Ausstieg vor Einspielung der Platte berichteten, als wäre es ein böses, dunkles Zeichen, das die DVD warnend erwähnt.
Aber die Story dieser Besetzung, nein, eigentlich seit Gründung der Band, wird ausführlich angegangen. Die beiden DVDs sind in 10 Parts unterteilt, die verschiedenen Aspekten nachgehen. Die Interview-Dokumentation lässt ausschließlich die Musiker zu Wort kommen, auf ihren Booten, ihren Häusern, in Familie (da sind die alten Herren erstaunlich auskunftsfreudig), im Studio, im Wohnzimmersessel, in Hängematten etc., alles ist in sehr entspannter Atmosphäre erzählt. Harmonie ist die große Sprache der Bandhistorie, jedenfalls aus Sicht der DVD. Kritisches und Auseinandersetzungen in der Band, die es zur Genüge und in harter Form gegeben hat, scheinen vergessen. Das hört man auch der Musik an. Zwischen den Interviews sind Konzertmitschnitte zu sehen, einiges ganz alte Material aus früher und frühester Zeit, das Gros jedoch stammt von der 35th Anniversary European Tour; die Gitarre ist leiser, die Songs sind weicher, softer, die wilden Parts sind aus Sicht der Heavyness deutlich runtergeschraubt. Technisch sind die Jungs immer noch sehr gut drauf, aber alles hat den Schleier der Seichtheit, die Gaze des inneren Friedens. Musikalisch ist die Band also wesentlich weniger interessant als in ihrer "klassischen" Phase.
Den Zusammenhalt der vielen Interviewschnipsel mimt der "Narrator". Und den gibt Roger Daltrey, Sänger der legendären The Who. Den Posten hat er wohl bekommen, weil er eine markante Stimme hat und ein guter Kumpel von Chris Squire ist, der wiederum ein begeisterter Fan von The Who ist, wie er auf der DVD erwähnt. Daltrey spricht etwas sehr salbungsvoll und puscht die Band und ihre Geschichte, was das Zeug hält. Er ist auch für die Fragen verantwortlich, die er im Studio eingesprochen hat, während die Bandmembers auf nicht sichtbare Interviewer in ihrer persönlichen Umgebung antworten.
Es geht um die Story der Band, um den Kontakt zu Roger Dean, der ihre Cover prägte, Line-Ups, Veränderungen im Musikstil (wo Rick Wakeman ausführlich erzählt, warum er welche Alben von YES nicht ausstehen kann). Sehr interessante Inneneinsichten, die Band ist in allem auskunftsfreudig, die Jungs bringen auch ihre Mädels mit ins Spiel und Bild, manche Ehegemahlin dürfte dabei jünger als die eigenen Kinder sein, etwa bei Jon Anderson und Chris Squire.
Das Ganze ist für deutsche Fans als Sprachschule gedacht, es gibt Untertitel in Englisch, Italienisch, Spanisch und Portugiesisch, aber nicht in Deutsch. Der deutsche Markt war wohl nicht interessant genug, als das Projekt geplant und ausgearbeitet wurde. Insgesamt sind die 10 Interview-Parts etwa 170 Minuten lang, sehr unterhaltsam, gut überlegt und wohl produziert, keine Frage. Schrott macht die Band nicht, dazu haben sie zu gut bezahlte Mitarbeiter. Ton (DTS + DD 5.1 + DD 2.0) und Bildformat 16:9 (NTSC) haben ihre Qualität, selbst die historischen Leckerbissen, teilweise in Schwarz-Weiß eingeblendet, sind guter Stoff.
Nachdem man sich den langen Interview-Marathon angetan hat, kann man die Bonus Audio Spur auf DVD2 genießen, die ein Konzert präsentiert, das während der 35th Anniversary European Tour 2004 mitgeschnitten wurde. Unterlegt ist die Musik mit stets wechselnden Fotos von der Band auf der Tour. Klassiker und neuere Stücke sind dabei, insgesamt 18 Songs, die von der heutigen, viel leiseren, sanfteren Musiksprache der Band zeugen. Da werden selbst Stücke wie "Yours Is No Disgrace" butterweich.
Aber egal, wer neugierig auf die Bandgeschichte ist und den Werdegang der Band nachvollziehen möchte, bekommt mit "Yesspeak" ohne Frage ein interessantes Produkt, das facettenreich berichtet und die Band von ausgesprochen persönlicher Seite zeigt. Dabei erweist sich just Rick Wakeman als wahrer Komiker, der über sich und sein wildes Leben offen und witzig erzählt. Da sitzen die alten Jungs auch mal zusammen auf einer Pressekonferenz und scherzen über ihre eigene Vergangenheit. YES werden in Würde alt - und haben (hier und dort) immer noch lange Haare (wenn sie auch, was Wunder, nicht mehr so ganz schön sindů).

yesworld.com
warnermusic.de
VM



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