Wolfgang Dauner Quintet "The Oimels" (MPS 1969/Malesch Records/Long Hair 2007)
Et Cetera "Et Cetera" (Global Records 1971/Malesch Records/Long Hair 2008)

Wolfgang Dauner ist einer der bekanntesten und erfolgreichsten Jazzmusiker Deutschlands. Heute, wo Jazz längst nicht mehr das ist, was es einst gewesen war und das Gros des Szenenrestes sich popmusikalisch dienlich macht, um zu überleben, ambitionierte Projekte und Bands samt Labels im unabhängigen Underground ihre Perlen schmieden, ist es kaum nachvollziehbar, dass es Zeiten gab, in denen Jazz die wildesten und verrücktesten Eskapaden entwickeln durfte und das anwachsende Publikum entzückt applaudierte. Höhepunkte gab es in den 50er und 60er Jahren, und im Jazzrock der 1970er, und damit flaute es ab. Und doch ist Jazz nicht totzukriegen, wie Panzerballett, MediaBanda und viele weitere, eher in bescheidenem Umfang erfolgreiche Musiker und Bands beweisen. Es gibt noch immer den alten Hunger nach neuem Jazz in neuen Gesichtern.
Ein wunderschönes, heute wohl eher als "light" empfundenes Album ist das 1969er "The Oimels" vom Wolfgang Dauner Quintet. Jazz und Beat gehen eine schüchtern nüchtern komponierte, psychedelisch gemachte Allianz ein. Der lebenslustige, taktvolle Jazz-Beat auf dem Fundament alter Jazzschule und der Lust am Probieren und lockeren Gelingen der Verbindung damals tagesaktueller Sounds macht ordentlich Laune. Das Motto scheint gewesen zu sein: mal sehen, wo es hinführt. Die ersten drei Songs könnten fortschrittlichen Eltern gefallen haben, so wohl erzogen klingen sie in aller frischen Musikalität.
Doch dann geht's los. "Come On In On In" ist eine nett freakige Angelegenheit, die Orgel und Gitarre samt Rhythmusabteilung zum Kochen bringt, es quietscht und donnert vergnügt und herzhaft, etwa in der gleichen Aufgeregtheit wie "Barbara Ann" von den Beach Boys, nur mit viel wilderem, abgedrehterem Erfolg. Ein schön schräges Teil!
Indische Einflüsse gehen im leicht konzertanten Pianospiel in für Beat "seriösen" Arrangements auf. Gitarrensoli probieren sich in gezielter Härte, Orgel und Piano wühlen sich improvisativ durch eher zurückhaltende Kompositionen. Fast hat der Sound hungrige Naivität, die nicht weiß, ob sie mutig oder schüchtern sein soll, aber nicht auf ihre gute Erziehung verzichten will. "Uwii" quietscht und rasselt vergnügt vor sich hin. "Dig My Girl" ist die östlich angehauchte Jazzballade, in deren sieben Minuten viel Grandioses geschieht. "Greensleeves" ist dann etwas zu brav, obschon gewiss dadurch charmant. Seine starre Struktur lädt zum Schmunzeln ein. Gut zum Mitpfeifen!
In den Sechzigern wäre ich ein süchtiger Fan gewesen, in den komplexen 70ern war der Sound geradezu obsolet. Die Lust darauf kam in den nahezu musiktoten 80ern zurück und jetzt noch einmal mit der CD-Auflage und der Wiederverfügbarkeit der Platte, der 8 Songs. Es gibt kaum Verrücktes in den fetzigen Songs, bis der Komiker "Come On In On In" zu hören ist. Und doch, die Frische und (gewisse) Lockerheit der Songs geht nahe, da scheint die Welt noch in Ordnung (bis auf das, ähm, komische Cover). Neben Wolfgang Dauner (p, org, voc) waren Pierre Cavalli (g), Siegfried Schwab (g, voc), Roland Wittich (dr, voc) und Eberhard Weber (b, ce, voc) an der Einspielung beteiligt gewesen.

Zwei Jahre später sah die Welt ganz anders aus. Wolfgang Dauner nannte seine Band Et Cetera, Pierre Cavalli war gegangen, dafür Fred Braceful (perc, voc) ins Ensemble gekommen. Sind auf "The Oimels" überwiegend kurze Songs zu hören, deren instrumentale Struktur wenig ausgeflippt, aber durchaus ambitioniert komplex ist, so bietet das Debüt von "Et Cetera" kaum schlichte, einfach nachvollziehbare Struktur. Schon Opener "Thursday Morning Sunrise" beginnt völlig freakig und extravagant. Soft Machine haben deutlich ihren Einfluss hinterlassen, Wolfgang Dauner dreht an den Knöpfen, jagt elektronisch verfremdete Sounds aus Synthesizer, Ringmodulator, Piano, Clavinet und Clavichord. Psychedelic Jazz war die Bibel, die Band arbeitete grandios verspielte, satt dunkle Sounds aus, und fast wie im Free Jazz ging jeder Instrumentalist an seine Grenze, das wilde Geschehen in größerer Harmonie aufgehen zu lassen. Die rhythmisch nervöse Basis des Openers findet ihre Entsprechung in der Gruppenimprovisation. Dabei jedoch, im Unterschied zu etlichen Rockbands der Psychedelic Szene, waren die Musiker an ihren Instrumenten perfekte Handwerker, die genau wussten, welchen Ton in welcher Dynamik, welchem Tempo, welchem Anschlag zu intonieren, um das gewünschte Resultat zu bekommen. Und dabei nicht steif und hölzern zu klingen. Ganz im Gegenteil wirken die 11 Minuten lebhaft in ihrer lockeren Abgedrehtheit. Auch das kurze "Lady Blue" war eher keine Möglichkeit, die Single-Auskopplung () der Platte zu sein. Auf impulsivem Jazz-Teppich spricht Fred Braceful poetische Verse, die Band liefert den verrückten Chorgesang dazu, als Refrain. Es mag ernst gedacht sein, und doch hat das Stück mit dem Chor eine hinreißend komische Note.
Siegfried Schwab (Embryo, Roland Kovac New Set), heute wie Eberhard Weber und Wolfgang Dauner etablierter und weltbekannter Künstler, komponierte die beiden folgenden Stücke. "Mellodrama Nr. 2 A" ist eine melancholische Ballade, schön schräg und instrumental verspielt, das 16-minütige "Raga" ein fernöstlich inspirierter Song, der interessante und gleichfalls seltsame Improvisationen entwickelt, tonale Meditation, verinnerlicht, in der Sigi Schwab seine ostasiatischen Instrumente Surmandel, Sitar, Tarang, Lute, Veena, Sarangi, Tambura, Balafon und Kalimba ausprobiert. "Milkstreets", bis auf die beiden Schwab-Kompositionen hat Wolfgang Dauner alle Songs geschrieben (auch die drei Bonustracks) zeigt eher wieder Soft Machine Einflüsse, die in der freakigen Note aber kaum zu spüren sind.
Drei lange, auch klangtechnisch exzellente Bonustracks ergänzen das grandios verrückte krautrockige Psychedelic Album, das viel mehr Rock als Jazz ist. Folgende Et Cetera Alben sind mit dem Debüt kaum zu vergleichen, so wild, schräg und abgefahren avantgardistisch - und weit entfernt von der Jazz-Wurzel - ist kein weiteres.
Die Aufnahmen beider CDs sind digital remastert, im originalen Layout wieder veröffentlicht, in den Booklets wird die Geschichte der Bandphase und der Platten in deutscher und englischer Sprache nacherzählt.
Tipp!

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VM





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