Nucleus "In Flagrante Delicto" (Beat Goes On Records 2003)

Ian Carr, Nucleus Kopf und Trompeter, ist bereits seit 1968 aktiver Jazzrocker. Als einer der Pioniere des Genres, das in den 1970er Jahren zu grandiosen Höhepunkten fand (und heute in der dritten Generation wieder zu diesen Höhepunkten aufschließt), markierte er mit seinem Trompetenklang, seinen Kompositionen und Arrangements und etlichen grandiosen LPs musikalische Qualität und Tiefgang. "In Flagrante Delicto" wurde 1977 in Düren anlässlich eines Konzertes aufgenommen. Neben Ian Carr (Trompete, Flügelhorn, RMI Electric Piano) standen Brian Smith (Tenor & Sopran Saxophon, Perkussion), Geoff Castle (Fender Electric Piano, Mini Moog Synthesizer), Werimu Aata Teransiamoa Karaitana (Bassgitarre) und Roger Sellers (Schlagzeug) auf der Bühne. Nucleus waren damals viel in Deutschland auf Tournee, ständig auf dem Kontinent unterwegs. Trotz mehrerer Umbesetzungen behielt Nucleus über Jahre diesen eigenen, warmen Klang, den typischen Ausdruck, der von heißem Jazz und impulsivem Rock geprägt war. Das Quintett war zu diesem Konzert perfekt aufeinander abgestimmt. Fabelhaft verzahnte Arrangements treffen auf eine improvisationsfreudige Band, die ihren solistischen Ambitionen freien Lauf lässt. Die vier Stücke bauen auf komplexe Themen, die von der ganzen Band sehr dynamisch gespielt werden. Weder sind Bass und Schlagzeug auf Rhythmuseckpunkte zurückgezogen, noch untermalen die Keyboards das solistische Geschehen der Bläser. Im Gegenteil, vor allem der Bass ist ein integratives Soloinstrument. Die ungemein inspirierten Läufe, die tiefe Hingabe an die Jazzmelodik, die anderswo als disharmonisch empfunden würde, findet zu einer Grandiosität, die ihresgleichen sucht. Das Keyboard bestimmt mit satten Jazzharmonien einen weiteren melodischen Aspekt der Songs. Das Schlagzeug setzt gleich doppelt Akzente, als Kern der rhythmischen Basis, wobei es einen harten Beat oder vitale Jazzrhythmen unter die Songs setzt, sowie als vibrierender Improvisator, als äußerst fabulierlustiger und phantasiereicher Erzähler.
Vor allem bestimmen die beiden Blasinstrumente Trompete und Saxophon die improvisativ-solistischen Höhepunkte der Songs. Dabei wird Energie freigesetzt, Vitalität teilt sich mit, mitreißende Lust am Musizieren und Hingabe an die Musik! Doch die anderen Instrumente halten sich nicht zurück. Oftmals improvisiert die gesamte Gruppe zusammen und entwickelt eine Intensität, wie sie selten ist und nur genial genannt werden kann. Dabei werden weder Jazz noch Rock, sondern die Synthese dessen, ein heißer, vitaler Jazzrock geboren, der eigentlich ein dritter Stil ist, beiden Eltern gleich verwandt und fremd.
"In Flagrante Delicto" macht jedoch noch viel mehr bewusst: dass es wenige Bands/Musiker/Alben sind, die dieserart hohe Qualität und Flüssigkeit aufweisen. Dass Musik weit mehr ist, als das flache und debile Gedöns, das aus allen Ecken kriecht und die Sinne heutiger Hörer verblödet. Wer Musik liebt, die intensiv ist wie diese, egal welcher Art, kann nur zum Aufstand gegen Musikindustrie & Co. bereit sein. Aber ich befürchte, dass es immer weiter den Bach runtergeht. Die Menschen verderben es sich selbst. Nucleus setzen zeitlose Zeichen dagegen.

bgo-records.com
VM



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