The Dynamite Vikings "Search For Happiness" (Cowbellmusic 2006)

Punk-Jazz nennt die Band das, was sie auf "Search For Happiness" spielt. Jazz ist eindeutig zu finden in den 13 Tracks, gen Ende der CD immer mehr, intensiver und versunkener, als seien die Dynamite Vikings auf einer heißen Spur, die sie fieberhaft immer weiter verfolgen - was auch zutrifft, die fast komplett instrumentalen Stücke auf "Search For Happiness" sind grandios vertiefte Jazzbastarde ganz großer Klasse.
Jedoch Punk? Wohl um dem Terminus Jazz-Rock zu umgehen, nimmt man lieber die Beschreibung Jazz-Punk. Sicher ist Punk mehr als Sex Pistols oder The Dead Kennedys, aber so viel mehr auch nicht. Und schon gar nicht komplexe, intensive Musik, wie sie hier gespielt wird. Doch Jazzrock - oder Fusion - wenn man so will, gibt es hier definitiv ebenso wenig. Das skandinavische Trio Thommy Andersson (Schweden, b, electr, voc), Jaak Sooäär (Estland, g, voc, effects) und Kalle Mathiesen (Dänemark, dr, samples, voc) spielen Electric Jazz mit Rockinstrumentarium.
Am besten zeigt sich das im dritten Track "All These Notes Are Wrong", einem hinreißend schrägen Stück, das sich in der Gesangslinie als Popsong verkleidet und verflixt komplizierte Harmoniefolgen generiert. Der Text kommentiert, welche verrückte Idee als nächstes kommt. Aber längst nicht nur dieser Track, alle Stücke sind "schräg", brechen ihre Motive rhythmisch und harmonisch, lassen den Rhythmus schnell wegrennen und an anderer Stelle wie zufällig verschleppen. Für die Kompositionen waren alle drei Musiker zuständig, jeder trug sein Scherflein bei. Die Handschrift von Kalle Mathiesen, der auch für die falschen Noten im eben genannten Track steht, ist deutlich herauszuhören. Sein Faible für schräge, humorvolle und grandios verspielte Musik kommt ebenso in seiner weiteren Komposition hinreißend zur Geltung. Die beiden anderen Komponisten arbeiten etwas kopflastiger, harmonisch komplexer und erheblich jazzbetonter, ohne jedoch Dynamik und kraftvolle Intonation zu vernachlässigen.
Das Trio ist zudem handwerklich vorzüglich ausgebildet. Jaak Sooäär ist DER estländische Gitarrist, ein Musikmissionar, der mit den Großen der modernen Jazzszene auf der Bühne und im Studio steht. Thommy Andersson ist Schwedens zumeist gebuchter Bassist, der alle Arten von Rhythmen, seien sie auch noch so simpel oder komplex, lebendig intoniert. Kalle Mathiesen ist für seine Mitarbeit bei Robin Taylor und für seine eigenen schrägen Projekte bekannt, in denen er wie aus dem Nichts bedeutende und spielerisch-virtuose Musik mit Köpfchen zaubert.
Punk kann ich auch schon deshalb nicht gelten lassen, weil im Laufe des Albums die Themen immer intimer werden und die Band sich auf die klare Interpretation der einzelnen zarten Töne konzentriert, ohne dass Dynamik oder Rock dabei auf der Strecke bleiben. Anders Blichfeldt, der die beiden von Mathiesen komponierten Vokaltracks singt, hat keine Schwierigkeiten, die popseligen Jazztracks mit allen kniffligen Harmonien sauber und wunderbar kraftvoll genüsslich zu singen. Vielleicht kann ich es so sagen: wenn King Crimson 1981 zum Jazz konvertiert wären und damals nicht der typisch schlichte Rhythmus vorgeherrscht hätte, wäre man schon dicht an der Musik der Dynamitwikinger. Schön schräges Album, das nur wärmstens empfohlen werden kann!

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VM



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