John Wolf Brennan/Simon Picard/Eddie Prévost "Entropology" (For4Ears Records 1999)

"Entropology" ist die vielleicht jazzigste Platte unter Mitwirkung John Wolf Brennans - doch eher als Jazz ist die Platte eine Sammlung avantgardistischer Kompositionen, die gewiss jazzverwandt sind und in eben dieser instrumentalen Ästhetik aufgehen, jedoch ihren eigenen Gesetzen gehorchen.
Die drei intuitiv inspirierten Musiker führen ihre Zuhörer tief in ihre Ideen ein, lassen sie Klänge und Harmonien fühlen und spüren, die wundersam klingen, künstlerisch und wohl überlegt. Das Trio führt das Hörverständnis direkt vom Pfad der Allgemeinheit hinein ins Gebüsch unerwarteter und überraschend wuchernder Klänge, die wild sind, und doch einer natürlichen Harmonie gehorchen, hier Licht und Sanftheit ausstrahlen, dort drahtige Wucherungen in den Weg stellen, die neugierig machen und ebenso beeindrucken wie spielerisch einnehmbar sind.
Die CD beginnt mit drei Duo-Stücken, in denen Schlagzeuger Prévost noch nicht dabei ist (die Felle ölt und die Sticks streichelt). Picard und Brennan spielen sich die melodischen Bälle zu, wandern verträumt nebeneinander her oder nehmen sich die Themen weg, necken einander und greifen in des Anderen harmonische Entwicklung ein.
Lebhafter wird es, als der dritte Mann hinzukommt, weil dieser - Bruder im Geiste - mit ebenso irrwitzig eigenwilliger Klangidee den melodischen Rahmen rhythmisch attackiert und längst nicht nur für geordnete Strukturierung und taktvolle Parzellierung angereist ist. Das Trio wälzt seine Ideen weit aus, reizt die Ideen mit zackigem Engagement an, traktiert seine Instrumente, wobei John Wolf Brennan - wieder einmal - die irrsinnigsten und lebhaftesten Haken und Kanten schlägt und mit emotionaler Hingabe und technischer Exquisität radikal-rasante Aufgefahrenheit spielt, die ihresgleichen sucht und nur schlicht überwältigend ist. Simon Picard nimmt es weitaus lässiger, bohrt sich neugierig in die Themen und arbeitet ihre kleinsten Falten aus, als besäße er ein Mikroskop, das bis in die Tausendstel schauen könnte und auf der ebenen Fläche Miniaturgebirge erkennen ließe. Eddie Prévost donnert mit Verve, dröhnt und traktiert, mischt sich mit vitaler Verspieltheit ins Geschehen, als spielten die Drei Fußball und das Spiel sei nur gut, gibt ein Jeder den Ball am Geschicktesten ab.
Die Stücke 4 bis 6 sind weit ausgeführte, lange Stücke, deren Themen noch die letzte Ecke neugierig erblicken lassen wollen und nicht aufgeben, bis kein Ton mehr da ist, der noch was dazu zu sagen hätte.
Zuletzt sorgen 6 bis auf zwei Ausnahmen sehr kurze Stücke für die hektische und thematische Sezierung ihrer grundsätzlichen Themen. Simon Picard lebt auf, weiß die Kürze der Stücke effektiv und mit wilder Geste zu nutzen und lässt nicht locker, bis er aus dem Song geschmissen wird. Woraufhin sich der nächste auftut, und keiner ist weniger energisch und vital, als sein Vorgänger.
Jazz? Ja. Avantgarde. Ja. Irgendwas im Dschungel da drinnen. Egal, wie es heißt. Nicht egal, wie aufregend und verrückt, Beileibe!, es ist.

brennan.ch
VM





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