John Wolf Brennan Alex Cline Daniele Patumi Tscho Theissing John Voirol "Shooting Stars & Traffic Lights" (Leo Records 2006)

Nein. Die Band heißt nicht Pago Libre. Das ist nicht Pago Libre. Auch, wenn es den Anschein und das gleiche Klima, denselben Geist, diese Art Komplexität und Innigkeit zwischen Jazz & Folklore hat, und den schalkhaften Humor; weil es so klingt (ach so? Seit wann haben Pago Libre einen Saxophonisten?). Das Raunen im Publikumswald beflüstert es als "verstecktes" (geheimes) Pago Libre Album. Es kommt von der gleichen Baustelle - zwei (die Hälfte) der Mitarbeiter des Ensembles sind hier aktiv, John Wolf Brennan (p, Melodica) und Tscho Theissing (vi) mit einem Dritten, der Pago Libre am Schlagwerk aushilft, Alex Cline, sowie John Voirol (sax) und Daniele Patumi (b). Sonst ist natürlich alles ganz anders.
Wo Pago Libre schmeichelhafte Harmonien entwerfen und diese mit Verve und Eleganz in Filethappen servieren, tagen diese Herren ohne Band-/Projektnamen zum avantgardistischen Schmaus. John Wolf Brennan übt sich in atonaler Tastaturbearbeitung, die Bläser spritzen radikale Disharmonien aus, von der wild arbeitenden Rhythmusfraktion auf Trab gehalten. Bis es der Improvisation genug ist und das vergnügte, fast schon ins Kitschige übersteigerte Grundthema die Band schelmisch aus dem Song entlässt. Sehr ambitioniert und frei und hervorragend! Ausdrucksstark und von immenser forscher Rasanz und hohem dynamischen Druck. Der eröffnende Titelsong, von Tscho Theissing geschrieben, bedarf für die erlesene Exkursion fast 11 Minuten, und keine Sekunde ist zuviel daran.
In den folgenden Stücken sucht die Band Innigkeit und kompositorische Tiefe. "Ognatango" hat ein charmantes Motiv, und die Solisten entführen in den Dschungel der Improvisation, verführen und umschmeicheln den Freund erlesener und kunstvoller Klänge, ziehen ihn in den Bann, und das Schlagzeugsolo kommt so unwillkürlich, als könnte es anders nicht sein. Lebhafter geht es in "Toccattacca" zu, der zweiten Komposition von John Wolf Brennan. Wieder wedelt die Band die Noten auf, treibt ihr verwirrend komplexes Spiel mit den Harmonien und alle Instrumente leisten melodisch extravagante Arbeit, das Ensemblespiel erreicht eine Harmonie und einen musikalischen Schöngeist, dass der Worte hier genug getan und zuzuhören ist.
Wie bei Pago Libre gibt es keine Antwort darauf, wo der unbedarfte Lehrling im Plattenladen die CD hinstellen soll, zum Jazz, zur Folklore, in die instrumentale ‚Ecke', Klassik - oder was?!?
Als Handwerker und Techniker sind die Musiker an ihren Instrumenten erstklassig geübt, ihr Spiel ist leichthändig und virtuos, was Ton, ist lebhaft, was Ensemblespiel, mitreißend und ohne schales Gefühl. Schwere Melancholien wälzen sich bittersüß aus, dunkle Harmonien schweben licht vorbei, verrückte Abstrakte sprießen mit gefährlichen Zacken aus den Boxen und radikale Lautstärke donnert wie Zirkuskapelle in Trance hervor. Die dunklen Töne sind eingängiger, die ‚schrägen' leidenschaftlicher, Emotion und Energie überall zuhauf. Wer progressive Radikale liebt, die anders klingen als Univers Zero oder Nazca und doch eine gewisse Verwandtschaft aufweisen, der kann mit diesem ausgezeichneten und tief inspirierten Album glücklich werden. Und nicht nur der.
Als Einstieg, um es nicht etwa leicht zu machen, sei Track 5 empfohlen, das über 13 Minuten lange "Gathering at the Threshold" von Alex Cline, das zart verträumt beginnt, epische Lyrik entwirft, konkreter und schneidiger wird, lange auf hohem Level aushält und langsam verlischt. Einfach wunderbar!
Es gibt jede Menge Humor zu entdecken, so man den Sinn hat und danach trachtet, diesen zu entdecken, viel illustre Konzentration, malerische Dunkelheit und epische Klangfülle, düstere Klänge und zarte Elegien und immer wieder radikale Überfälle, von der Band herbeigesehnt und mit Verve intoniert - wo aus verträumt-dunkler Spannung, die zauberhaft wirkt, einlullend, wie verwunschen, winzige Witzbolde auf Zehenspitzen umherschleichen, große Tiere zu erschlag…, erschrecken, wohlgemeint.
Kein Witz!

brennan.ch
leorecords.com
VM





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