Barry Cleveland "Hologramatron" (Moonjune Records 2010)

Barry Cleveland`s "Hologramatron" ist ein Protestalbum. Amy X Neuburg singt die kritischen, düsteren Texte im verloren kratzigen Stil des No Wave, ummantelt wird ihr Gesang von sphärischem, harmonisch reich arrangierten Jazzrock, der folkloristische wie Weltmusik-Einflüsse samt Progressive Rock in sich vereint. Barry Cleveland (g), Robert Powell (g), Michael Manring (b), Celso Alberti (dr, perc) und eine ganze Riege fabelhafter Gäste, darunter Harry Manx (voc), Deborah Holland (voc) und Erdem Helvacioglu (g, electr) sind jedoch längst nicht nur Begleitband für songdienlich arrangierte kritische Songs. Zwischen den Vokaltracks - und schon diese haben ausgedehnte oder zumindest raffinierte Instrumentparts - liegen satt gelagerte, rund und gut geölt laufende Songmotoren, rein instrumental, finessenreich, illuster aufgebaut, hier und dort gewiss gar einmal popnah, aber nie anbiedernd oder schlicht und billig, sondern kräftig in der Komposition und mit satten, komplexen, bisweilen gar avantgardistischen Partien ausgestattet.
Stilistisch ist das kaum festzumachen, die Songs haben progressive wie psychedelische Modelle, fließen aus ambienter Electronic in soften Rock, oder aus unethnisch weltmusikalischen, allumfassend folkloristischen Motiven in Jazz-Fusion-Strecken. Dabei geht die Band nie typisch oder altbekannt vor, sondern präsentiert feine eigene Ideen, die so - jazztrunken, raffiniert komponiert, rocksatt, verspielt, verwirrend düster und in aller Liedhaftigkeit stets befremdend eigenwillig - kaum bislang zu hören gewesen waren. Das gilt nicht nur für die Bandarrangements während der Gesänge und in den Instrumentalparts, sondern auch für die diverse Soli verschiedener Instrumente, vor allem der ungewöhnlichen Solopfade der Gitarre und für die jazzdurchfluteten Bandinterplays.
Das komplette Album hat eine mysteriöse Note, die wie Patina über den Songs liegt, das verspielt komplexe Schlagzeugspiel ist verhallt, die Gitarre ‚singt' seltsam und ungewöhnlich, die typischen Manring-Bässe dröhnen gegen den Strich und Erdem Helvacioglus Electronic-Verfremdungen stürzen alles in künstlich künstlerische Sphären. Auch die wie Werbefilmchen dazwischen sitzenden Popsongs mit liedhaft lieblichen Arrangements.
Drei Bonustracks ergänzen das 10 Songs umfassende CD-Konzept "Hologramatron". Remixe und alternative Songfassungen von dreien der kritischen Konzeptstücke, weicher, lyrischer, verspielter, ambienter, härter, drahtiger, nervöser und fast rein instrumental. Als Abschluss fabelhafte neunzehn Minuten, die die Variabilität der Kompositionen zeigen und die Handwerkskunst der Band noch intensiver präsentieren.
Nix Mainstream, sondern illustre, erwachsene, versierte und verschmitzte Kunst mit viel Sinn für die besondere extravagante Note.

barrycleveland.com
moonjune.com
VM





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