Ron Spielman "from my songbook" (frimfram voices 2005)

Nachdem ich die Songs auf "from my songbook" das erste Mal gehört hatte, wusste ich, warum ich bereits so ein ehrfürchtiges Gefühl empfunden hatte, als ich die CD auspackte. Nicht das Covermotiv allein, auch nicht der blasse Grauton der bedruckten Papphülle oder die als Büchlein aufgemachte Verpackung machten einen verflixt guten Eindruck. Jeder Millimeter, jeder Klebefalz, jeder gedruckte Buchstabe an seinem Platz, in seiner Schriftart, der Druckreinheit, jedes Bild und Bildmotiv - allein das Design der Produktion ist Kunst, ist Architektur. Und das nur ob der Musik des Mannes, der da vorn auf dem Cover mit seiner Gitarre im Schoß und den Augen weit ins Off gerichtet verträumt und doch konzentriert hockt. Das schlichte schwarze Hemd, der Ring am Finger, die kurzen Haare und großen Augen, das schmale Gesicht und das raue Kinn - das ist der Mann, der diese Songs singt und spielt und den Großteil davon selbst geschrieben hat.
Die Verpackung strahlt Innerlichkeit und Ruhe aus - und präsentiert sich damit als vortrefflich passendes, liebevoll geschaffenes Aushängeschild für die Musik in den 15 Songs der CD. Der in Berlin lebende Ron Spielman hat die Songs nicht allein eingespielt, ihm zur Seite standen Musiker, die gewiss in Musiksucht leben und Spielfreude und Hingabe verraten, wenn sie die zumeist akustischen Instrumente spielen. Ron Spielman singt und spielt akustische und Slide Gitarre, Rainer Tempel hat die Tasten in seiner Gewalt, Jo Ambros übernahm die elektrische Gitarre, Torsten Krill, Labelinhaber von frimfram (dessen dritte Veröffentlichung "from my songbook" ist) spielt differenziert und zurückgenommen, mit klarem Ton und rhythmischer Finesse Schlagzeug und Perkussion und, ich putz Dir die Schuhe, Mann, Christian Diener verzaubert den Kontrabass. Anders kann das nicht gesagt werden.
Viele weitere Musiker sind an der Einspielung dieser intensiven Songs beteiligt gewesen, auch ein weiterer Bassist, Markus Bodenseh; Trompeter, Geiger, Saxophonisten, Cellisten, weitere - aber dieses runde, volle, "volumige", sauber dicke, lyrische, melancholische und einfach fabelhaft KLINGENDE Bassspiel ist phänomenal! Anders kann das nicht gesagt werden.
Die Songs - sind lyrischer Folk. Soul, Country, Blues, Rhythm'n'Blues, Jazz, Rock und ein inspirierter Mix aus diesen allen Stilen machen die Folksongs lebendig. Dabei kann man sich in die Kissenecke der großen Couch einmümmeln, tanzen, essen, trinken, joggen oder rauchen. Alles wird besser mit diesen intimen Stücken. Meine 15-jährige Tochter, die derzeit nur auf Led Zeppelin vertraut, ist in die Platte verliebt, Freunde setzten sich lässiger an den Tisch, ihre Kinder spielten leiser und als die CD am Ende war, fiel die Musik, ihr Fehlen auf.
Nichts ist spektakulär in diesen Songs. Es gibt keine grandiosen Soli oder Instrumentalschlachten, keine wilden Ausbrüche oder harschen Avantgardetestate - es gibt nur leises Spiel, intensive Zurückgenommenheit, den Klang des einzelnen Tons, die Harmonie der Tonfolge, den emotionalen Gesang, die Stimme, diese Stimme und ihren Klang, wenn sie die Worte los lässt. Dazu nur eine intime Slide, ein dunkles Piano, der große Bass...
Wer Musik liebt - und dabei Kategorien entfliehen kann, frei im Kopf ist für leidenschaftliche Töne in selbstbewusstem, erwachsenem Klang, dem kann Ron Spielmans "from my songbook" nur unbedingt empfohlen sein. Zudem die Konzerte, die Anfang 2006 im süddeutschen Raum anstehen.
Jedoch, eines ist äußerst ärgerlich. Gewiss lebe ich am Ende der Welt. Und Ron Spielman hatte sich auf just auf dieser Tour hierher verirrt. Das zu erfahren, nachdem das Konzert seit über einem Monat verraucht ist, tat und tut weh!

VM



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