Spaltklang "Surprise" (Fazzul Music 2004)

"Surprise" sagt es. Eine Überraschung, so schnell nach ihrem Album "Alpenglühen" wieder von Spaltklang zu hören. Musikalisch ist die Überraschung ungleich größer. Das virtuose Musizieren macht große Freude! Markus Stauss spielt Tenor- und Sopransaxophon, Olivier Vogt die Bratsche, Stephan Brunner Bass und Yolk-Schlagzeuger Rémy Sträuli trommelt und entlockt dem Synthesizer allerlei seltsame Töne. Saxophon und Bratsche, oftmals unisono, aber auch schon mal im "kriegerischen" Gegeneinander, beherrschen das melodische Feld vor den anderen Instrumenten. Bass und Schlagzeug sind mehr als die kraftvolle, dynamische und breakgewitternde Rhythmuscrew. Der Bass mischt in leisen Passagen selbstbewusst im Melodiegeschehen mit, während Rémy an den Knöpfen seines Synthesizers dreht und hier leisen Hintergrund und dort gewaltigen Lärm entstehen lässt. Saxophon und Bratsche passen erstaunlich gut zusammen, ergänzen sich im instrumentalen Klang. Das Saxophon mit scharfen, kantigen Tönen kann als Gegensatz die weichen, zarten Laute der Bratsche gut gebrauchen. Das kann mitten in einem Song plötzlich anders herum funktionieren, wenn das Saxophon das Motiv formuliert und die Bratsche ein faszinierendes Solo darüber gießt. Anders als auf der ersten CD gibt es einen instrumentalen Ausgleich, die Bratsche ist lauter, bestimmender und das Saxophon nimmt nicht allen Raum. Das erinnert mich an die LP "Mother Earth" von Barbara Thompon´s Paraphernalia. Die Kompositionen sind differenzierter, beziehen improvisativ wirkenden Jazz ein, und sind so eine farbenfrohe, lebhafte Mischung aus Rock, Jazz und Klassik. Hin und wieder verlässt die Band die strukturierten Pfade und improvisiert ausgezeichnet, da tut sich vor allem der Bass hervor, der von dieser Lebhaftigkeit durchaus mehr bringen könnte. Nicht nur in "Irgendwo" haben Univers Zero Pate gestanden. Spaltklang sind jedoch längst nicht so düster und abgründig molllastig wie die Belgier, ihre Songs sind beschwingter, lässiger, frecher. Die Songs sind insgesamt aber ernster als ihre Titel. Da heißt so ein Song schon mal "inmitten" oder "überall" und gar "So weit das Auge reicht". Da hat einer Gimli zugehört! Doch die kompositorischen Ideen sind nicht so leicht, vielmehr in aller Komplexität und Virtuosität etwas nüchtern, in aller Morbidität und schweren Lust fehlt ein Quäntchen Atmosphäre, liegt eine gewisse Anspannung in der Luft, sind die Songs emotional leicht unterkühlt. Simpel gesagt gibt es einen Überhang Klassik ohne entsprechendes Jazz-Gegengewicht. Das ist aber Auslegungssache. Wer es ernster mag, formaler, strikter und konsequenter, wird genau dies lieben. "Surprise" ist eine positive Überraschung, ein tolles Werk, das längst viel Humor und Emotionen hat. Unbedingte Empfehlung!

fazzulmusic.ch
VM



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