Retroheads "Introspective" (Unicorn Digital, VÖ: Juli 2006)

Tore Bø Bendixen, Gründer der Retroheads, ist nach eigener Aussage langjähriger Prog-Freak, der seit Jahren kommerzielle Musik für Radio und Fernsehen produziert hat und sein eigenes Prog-Projekt gegründet hat, um die Musik spielen zu können, die ihm wirklich zusagt und nicht aus kommerziellen Beweggründe entsteht.
Bereits das Debüt "Retrospective" war ein eindrucksvolles Werk, "Introspective" setzt mit 9 neuen Stücken genau dort an und hat ebenso viele tolle Attribute. Die Norweger spielen Modern Prog mit Einflüssen aus den 70ern ("retro"). Die Songs sind modern arrangiert und widerspiegeln den aktuellen Zeitgeist des Progressive Rock. Instrumentale Passagen auf Basis von Synthesizern, Orgeln und weiterer Keyboards, darunter ein druckvoller Rhythmus und hart klingende Gitarrenarbeit, die weniger rifflastig als melodiebetont gespielt wird. Mancher Instrumentalpart ist stark verhallt, wahrscheinlich, um großen räumlichen Klang zu erzeugen. Das hat den Nachteil, dass Bombast und Pathos etwas vordergründig klingen, ohne aber zu sehr auf Eindruck zu machen. Das Quintett ist instrumental fabelhaft unterwegs und spielt sich die Finger wund.
Lediglich die Refrains haben etwas zu viel harmonischen Schönklang. Die dicken Keyboards und der vielstimmiger Chorgesang sind sehr eingängig und bringen einen etwas süßlichen Touch ein. Interessanter Weise sind gerade dann einige Querverweise zu den Flower Kings auszumachen, was sich in einigen Harmonien und motivischen Breaks wiederholt zeigt. Auch in den Lyrics trifft sich die Verwandtschaft zu den Schweden wieder, wenn kritische, aber weltoffene und engagierte Texte gesungen werden ("Black hole eyes"). Aber es gibt auch jazzgetränkten Gesang ("Be aware"), dessen instrumentales Thema funky Jazzfiguren in knackfrischen Symphonic Arrangements präsentiert. Toll gemacht.
Zarte Passagen und harter Rock sind bei den Retroheads gut ausgewogen. Komponist der meisten Tracks ist zwar Chef und Bassist Bendixen, heimlicher Chef des Ensembles dürfte aber die Keyboarderin Gry Anett Stordahl sein, die mit ihrem Instrumentarium jeden Augenblick des kompletten Albums am stärksten bestimmt und sich dabei inspiriert und technisch versiert zeigt. Es sind nicht viele Frauen im Prog-Genre, gut zu wissen, das im kopflastigen "Mainstream für Minderheiten" - Bereich, wie die Avantgarde Szene ein wenig verächtlich meint, nicht nur Bengels abhängen, sondern auch die holde Weiblichkeit Interesse zeigt. Dann kann die Musik soooo falsch nicht sein, oder?

retroheads.com
unicorndigital.com
justforkicks.de
VM



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