Paladin "Charge!" (Bronze Records 1971/ Cherry Red Records/Esoteric Recordings 2007)

In der großen Zeit des Progressive Rock ließen sich auch "normale" Rockbands anstecken, komplexe, aufwendige Musik zu spielen. Paladin gehören dazu. Das erste Album der Band von 1971, schlicht "Paladin" genannt, war noch eine Hitsammlung. Auf "Charge!", das 2007 digital remastert und um 7 Bonustrack ergänzt auf CD aufgelegt wurde ("Paladin" war damit bereits vorangegangen) sind Soli der Leslie Violine zu hören; elektrisches und akustisches Piano, elektrische Gitarre, Bass und Schlagzeug spielen leidenschaftliche, erregende instrumentale Strukturen, zumindest in einigen Songs.
Zwischen den wilden, komplexen Tracks gibt es eher schlichte Hardrocker zu hören, die Boogie und Blues im Blut haben, selbst aber auch den Früh-70er Zeitgeist in sich tragen, wenn Schlagzeug und Bass mehr als nur Basis sind und Breaks und Rhythmuswechsel spielen. Peter Solley (keys, vi) und Lou Stonebridge (voc, el-p, harm) waren die antreibenden Köpfe der Band, die den Songs den aufwendigen Charakter gaben und mit ihrem Spiel die meisten Arrangements bestimmten. Gitarrist Derek Foley konnte sich nur teilweise gegen die dominanten Keyboarder durchsetzen. Bassist Pete Beckett und Schlagzeuger Keith Webb machten eine gute Figur und gaben den Songs nötigen Drive und fette Basis.
7 Songs sind auf "Charge!" enthalten. Nach dem progressiven Opener "Give Me Your Hand" folgt das hardrockige "Well Me Might", sodann das instrumentale "Get One Together", das eine Herausforderung an die beiden Keyboarder war und Klassik und Jazz in sich vereint. "Any Way" ist der Hit der LP gewesen. Die symphonische Ballade funktionierte auf der damaligen Tanzfläche gewiss ganz gut, wenn auch die Musikfreaks dem Stück nicht ganz abgeneigt waren.
"Good Lord" klingt wie frühe Santana mit Betonung auf Orgel und Gitarre. Die rhythmische Basis hat da gewiss seine Inspiration gefunden. Der lange Song hat seine beschwingte Leichtigkeit und instrumentale Finessen, wird im Refrain aber etwas sehr schlicht. "Moonbeams" ist eine schwülstige Symphonic-Ballade mit Tonnen an Keyboardsounds. Auch hier nimmt der Gesang dem Stück den Reiz. Das fast 10-minütige "Watching The World Pass By" fängt als von Mundharmonika geführtes Schunkelliedchen an, das sich aber noch als recht wildes, frisches Werk entpuppt. Nach der Harmonika kommt ein schwerer Orgeleinfall, danach wird das Stück zum fetten Hardrock. So viele Songs die LP, so viele Bonustracks die CD. Zuerst sind zwei kurze Rocker zu hören, die nicht viel her machen und damals wohl in der Kneipe um die Ecke oder in der Disko funktionierten. Dann folgen drei "Alternate versions" und zwei längere Instrumentale. Die beiden letzten sind auf der LP nicht zu hören gewesen, hätten das Material jedoch gewiss aufgewertet.
Paladin waren eine ambitionierte Mittelklasse-Band, nach "Charge!" löste sich die Truppe auf. Progressive Rock Fans werden, je nach Meinung, den Roger Dean auf dem Cover lieben oder hassen. Die Songs werden vielleicht Fans früher Santana, altem Hardrock und dezent progressiver Musik gefallen. Immer wieder stoßen die Tracks in das Feld, ohne wirklich das zu sein, was heute noch so als "progressiv" gilt.

VM



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