Phil Miller - In Cahoots "Conspiracy Theories" (Moonjune Records 2007)

National Health und Hatfield and the North Begründer Phil Miller, eine der zentralen Figuren der Canterbury Szene, veröffentlichte mit seiner Band In Cahoots im Jahr 2003 "All That" auf Cuneiform Records. An den im selben Jahr eingespielten Aufnahmen war noch Saxophonist Elton Dean (R.I.P.) beteiligt gewesen. Nur ein Jahr später nahm Phil Miller (g) mit seiner Stammbesetzung Pete Lemer (key), Fred Baker (b) und Mark Fletcher (dr) sowie einem größeren Bläserensemble, Simon Picard (ts), Simon Finch (tr, fl), Annie Whitehead (pos) und Didier Malherbe (ss, fl) sowie Doug Boyle (g) und Weggefährten aus der guten alten Zeit, Dave Stewart (perc), Barbara Gaskin (voc) und Richard Sinclair (b), weitere 9 Tracks auf, die erst zu Beginn 2007 von Moonjune Records veröffentlicht worden sind.
Erstaunlich die personelle Parallele zu den Belgiern The Wrong Object, die wie In Cahoots erst mit Elton Dean, schließlich mit Annie Whitehead aufgenommen hatten. Auch stilistisch liegen beide Ensembles nicht weit auseinander. In Cahoots zeigen eine stärkere Rockpräsenz, The Wrong Object rocken jedoch partiell wesentlich härter. The Wrong Object klingen europäischer, In Cahoots britischer. Der größte Unterschied ist wohl der Einsatz der elektrischen Gitarre. Beide Ensembles werden von Gitarristen geleitet, Phil Miller ist der ältere, abgeklärte, Michel Delville der "rockigere", härtere.
Phil Miller hält sich als Gitarrist erstaunlich zurück, Komplexorgien wie noch zu Zeiten seiner ersten beiden großen Bands sind hier weniger zu erwarten. Den Sound der Band könnte man als Rockjazz bezeichnen. Die Stammband entwirft das virtuose, rockgetränkte Harmoniegeflecht, auf dem der Improvisationstrupp der Bläser sich begnadet in virtuose Jazzweiten aufmacht. So klangen die größeren Jazzensembles der 70er, die aus dem Rock Rhythmus und Energie nahmen und den Bläsern die Ausarbeitung der Themen überließen. Nicht weniger intensiv und von großer Virtuosität ist das instrumentale Geschehen in den frischen neun langen Songs auf "Conspiracy Theories". Die Songs pulsieren energisch, leben aus dem dynamischen Gruppenklang des Ensembles, was den Musikern bewusst ist. Ein jeder Beteiligte, und alle haben das oft erprobt, keiner ist ein Frischling, gibt sein Bestes, weiß, Stimmung und Gefühl zu betonen und auf seine Mitspieler sensibel und kraftvoll einzugehen. Da ist nicht nur der Gemeinklang der Instrumente, da ist viel mehr. Wie bei jeder guten Musik, die stundenlang so weitergehen könnte und man sich fragt, woher diese unglaubliche Stimmung, dieses Licht, dieses Pulsieren kommt, warum die Musik lebt, was den Herzschlag ausmacht, so geschieht es in diesen Stücken.
Phil Miller, der der Band Namen und fast alle Kompositionen gab und für die Grundstruktur der hinreißenden Arrangements steht, ist instrumental zwar wahrzunehmen, aber nur als Randfigur. Ähnlich wie John McLaughlin, der in den Frühsiebzigern ein genialer Held im Jazzrock gewesen war und heute nur ein Hauch von Schatten seines einstigen Selbst ist, geht es auch Phil Miller. Jedoch hat Miller sich sein Kompositions- und Arrangementtalent bewahrt und zeigt sich heute stilistisch und sowohl was Spannung und Dynamik betrifft, von einer weitaus lebendigeren Seite als McLaughlin. Sein Gitarrenspiel, obgleich technisch perfekt wie vielleicht nie vordem, fällt leider wenig auf und hält die Jazzharmonie im Background auf Trab. Seine wenigen Soli sind nur wenig hart, und tendieren eher in eine Art akademischen Jazzfluss, der hier sonst nicht zu spüren ist. Das bestätigt die Rockausnahme nur.
Dafür gibt es an dieser Produktion auf Grund der diversen Mitarbeiter Facetten, die auf dem Geschwisterwerk "All That" noch nicht zu hören waren. So etwa den Klangeindruck der "tuned percussions", die (der gute alte) Dave Stewart spielt (und die keine Ruth Underwood - Virtuosität erreichen, den Tracks jedoch eine weitere faszinierende Rhythmusnuance verleihen), oder der lautmalerische Gesang von Barbara Gaskin, der für Gänsehaut sorgt, weil er exakt das wiedergibt, was so einst auf den National Health Alben zu hören war.
Richard Sinclair erhebt seine Stimme nicht, das wäre wohl des Guten zuviel. Es dürfte keine Schwierigkeit für diese markante, unvergleichliche und selbst heute noch frische und helle Stimme sein, sich in einem größeren Ensemble wie diesem durchzusetzen und den ganzen Klangraum einzunehmen.
Was bleibt zu sagen? "Conspiracy Theories" ist ein geniales musikalisches Werk. Dynamik, Intensität, Energie, Virtuosität - von den wichtigen guten Dingen gibt es den Möglichkeiten der Songs entsprechend alles auf hohem Level.
Pflichtprogramm!

philmiller-incahoots.co.uk
moonjune.com
VM



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