Mats Eilertsen "Radio Yonder" (Hubro, VÖ: 26.03.2010)

Mats Eilertsens Quartett steht für skandinavischen Electric Jazz. Die laszive Nachlässigkeit und fast schon schöngeistige Schnoddrigkeit der vielfarbig dunklen Melancholien, die epische Weite der Kompositionen, die folkloristisch scheinende melodische Variabilität der solistischen Ausflüge, das von Rock und Jazz gleichermaßen angetriebene komplexe Rhythmusgeschehen, die tiefgehende Dramatik der Arrangements - und in allem diese schiere Leichtigkeit und Herzlichkeit der Songs. Schick!
Gräbt die Band tief, holt alles aus sich heraus und taucht in emotional aufgefahrene Passagen ein, dröhnt mit mächtigem Klang und poltert dramatisch und bombastisch, wird es nie extrem aggressiv, und die Bassdrum filtert diese magische Note, die klingt, als betöre ein in Nöten lebendes Skandinavienvolk seine Geister, die Not zu lindern, ihnen beizustehen. "Radio" gleich zu Beginn, hat alle diese Facetten. Sphärisch-dunkle Harmoniefiguren, lyrische Sehnsüchte, nachdenklich versponnene Liedhaftigkeit, die alles andere als leicht eingängig oder vielfach bereits vernommen ist.
Tore Brunborg (sax), Thomas T Dahl (g), Olavi Louhivuori (dr) und Chef Mats Eilertsen (b) haben Fingerspitzengefühl wie Inspiration, grandiose solistische Läufe zu gestalten, während die den jeweiligen Solisten begleitende Band die kraftvoll-zarten Kompositionsstrukturen dynamisch und lebhaft spinnt und die Basis erhält, die der Solist virtuos nutzt, oder einem anderen den vorderen Bühnenrand frei macht, ins Ensemble taucht und die Instrumentalverschiebung charakterstark organisiert, wie dies sein nächst solierender Nachfolger tut.
Es gibt keine Aufregung auf "Radio Yonder" als die in den aufgefahrenen Höhepunkten, wenn die Band mahlt und sticht, innig in die Arbeit versunken, wie in Trance dem Song ausgeliefert, sein Sklave und Gestalter in einem. Jazzgitarrist Thomas T Dahl hat kaum Rock-Interesse, was hingegen vom Schlagzeug-Bass-Interplay durchaus schon mal kräftig geübt wird. Das lyrische Saxophon mit seinem Schmelz im Klang birgt die größte Gefahr der Beliebigkeit, Popmusik und Seichtjazz haben zu viel Zerstörung damit angerichtet. Doch keine Angst, was das inspirierte Quartett hier spielt, ist weit von jeder Beliebigkeit - und Seichtheit - entfernt. Und stets habe ich Jon Christensen im Hinterkopf, bei den Beckenfiguren, die Schlagzeuger Olavi Louhivuori entfacht. Mal ganz ehrlich? Ich wünschte mir zu dem Bass-Schlagzeug-Duo genau dieser Spielart: zart, lyrisch, komplex, innig verkopft und streng Jazzlastig ein dickes Vibraphon, John McLaughlin-harten Mahavishnu Gitarrensound = die Verbindung aus zartem, komplex gespielten Jazz mit Folk im Hintergrund und metallisch hartem Abstraktspiel ist eine Variante, die popfern und avantgardistisch noch zu selten ausgeklügelt geübt wurde.
Da sind noch tausend Wege, elektrische Musik zauberhaft zu erfinden. Diese Band ist ein gutes Beispiel dafür.

grappa.no
VM





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