Keef Hartley Band "The Time Is Near…" "Overdog" (Eclectic Discs 2005)

Keef Hartley ist einer der exklusiv geschulten Musiker aus dem Stall John Mayalls. "Blues Alone", "Crusade" und "Diary of a Band Vol. I & II" hat er dort mit eingespielt, bis John Mayall meinte, er, Keef Hartley, sei reif für seine eigene Band (woraufhin John Hiseman, Pre-Colosseum, das geschichtsträchtige "Bare Wires" als Nachfolger Hartleys eintrommelte). Keef Hartley gründete, genau, die Keef Hartley Band 1969.
Bevor Hartley nach London gezogen war, um in der Musikszene mitzumischen, hatte er bereits bei Rory Storm and The Hurricanes mitgemacht, bei denen er Ringo Starr am Schlagzeug ablöste. Später war er bei The Artwoods, bei denen auch Deep Purple Organist John Lord seine frühen Spuren hinterließ.
Damals trafen sich die Musiker in allen möglichen Bands, und später in anderen Projekten wieder. In den beiden Booklets der separat veröffentlichten CDs kann man nachvollziehen, welche Musiker im Umfeld der Keef Hartley Band wirkten, so gibt es gleich mehrere Begegnungen mit Musikern von Colosseum, wie Dick Heckstall-Smith, Barbara Thompson oder Jon Hiseman. Die Rockszene war offen und längst nicht weltbekannt, jeder versuchte am Ende der 60er Jahre, sich zu profilieren, dass die Namen heute noch bekannt sind, zeigt, dass viele es geschafft haben.
Das erste Album der Keef Hartley Band von 1969, "Halfbreed", stand voll in der Chicago Blues Tradition, während sich das Follow-Up "The Battle Of NW6" (1970) mit deutlich jazzigerem Ton und kleiner Brass-Section schon in die Spur begab, die auf den beiden Alben, die jetzt digital remastert und wundervoll verpackt als Schmuckstücke würdig und elegant auf CD vorliegen, weiter ausgebaut wurde.
"The Time Is Near…", auch von 1970, ist stilistisch noch nicht so festgelegt, wie es folgende Alben werden sollten. Die kraftvolle Brass-Section radiert scharfe Arrangements, ähnlich wie Blood, Sweat & Tears oder Chicago, oder europäische Vertreter dieser Richtung: Colosseum, Greatest Little Soul Band, Blodwyn Pig oder Pete Brown's Piblokto.
Aus heutiger Sicht ist "The Time Is Near…" eher kein Progressive Rock. Viele Bluesanteile, die Bläsersektion, Jazz, Soul - noch dazu kann man zu einigen der Songs auf der CD ganz gut tanzen. Und doch ist diese Musik durch und durch progressiv. Das betrifft nicht nur die komplex aufgebauten Songs, die langen Stücke mit vielen Soli und heavy und wild gespielten Passagen. Das ist eher der Ausbruch aus den Popschemata, die damals vorherrschten. Quasi die Neuentdeckung dieser Musik überhaupt, die später in vielen Facetten unendlich ausgebaut wurde, das ist die Progression der Popmusik, ihr Ursprung.
Die 7 Songs auf "The Time Is Near…" machen knapp 36 Minuten voll. Das Album wirkt, trotz der verschieden klingenden Songs, wie aus einem Guss. Die Songs haben Magie und Virtuosität, allein immer wieder diese rotzigen Bläsersätze sind fabelhaft, die solistischen Ausflüge von Trompete, Saxophon und Gitarre, während der Rest der Band eine sehr lebendige und aufgewühlte Struktur beherrscht, die nur absolut hinreißend ist.
Das stille "Change" beendet ein grandioses Werk, das ein starkes Trio geschaffen hat: die Hauptfiguren in der Keef Hartley Band waren Komponist Miller Anderson (g, voc), Arrangeur Gary Thain (b), der später zu Uriah Heep wechselte und depressiv geworden, 1974 an einer Überdosis Heroin starb, sowie der Namensgeber, der seine Mitarbeiter hart ran nahm und oft als Indianer auftrat.
"Overdog", nur ein Jahr später veröffentlicht (bevor Keef Hartley die Bläsersektion für weitere Alben zum großen Ensemble ausbaute), zeigte sich stärker von Soul und Funk inspiriert. Die Songs sind ebenso heavy und jazzig, wie auf dem Vorgängerwerk, jedoch mit ihrem fetten Groove extrem gut tanzbar. Das heißt jedoch nicht, dass Miller Anderson keine seiner brillanten Gitarrensoli mehr spielt oder die Bläser sich zurückhalten. Ebenso trommelt Keef Hartley nach wie vor wie ein Wilder, sind die Arrangements aufgewühlt und von großer Dynamik. Opener "You Can Choose" bringt die Energie gleich auf 100 Prozent, bevor das poppige "Plain Talkin'" schwere Arrangements zwischen Jazz und Folk probiert.
"Theme Song/En Route/Theme Song (Reprise)" ist das aufwendigste Stück der Platte. Es beginnt still und träumerisch mit einem faszinierenden melodischen Thema, das sich zum schweren Heavyrock aufschwingt und plötzlich Jazz zelebriert. Alles auf diesem hinreißenden Groove, der virtuos arbeitet und trotzdem in die Beine geht.
Der Titeltrack ist eine heavy Soulnummer mit grandioser Gitarre, gefolgt von "Roundabout", dem Hit der Platte, der auf 2 Singleseiten ausgekoppelt wurde, die als Bonus auf der CD sind. Nach den vielen wilden, ausgeflippten Songs kommt mit "Imitations From Home" eine entspannte Nummer, deren Jazzgefüge glatt als erste Inspiration für den Acid Jazz Nachwuchs gelten könnte. Die liedhafte Ballade "We Are All The Same" beendet ein grandioses Album.
In den Booklets beider Produktionen wird darüber philosophiert, warum die Keef Hartley Band nicht so erfolgreich und bekannt wurde, wie andere, ähnliche Bands. Ich nehme an, es liegt daran, dass die Songs tanzbar waren, als nix für Rocker, und Diskofans tanzen jede Woche nach anderen angesagten Acts, das war schon immer so, seit es Popmusik gibt.
Die Alben sind unbedingt zu empfehlen. Allein die grandiose instrumentale Arbeit ist die beiden CDs vollauf wert. Zudem sind die Reissues fabelhaft und perfekt gemacht worden, da bleiben keine Wünsche offen.

eclecticdiscs.com
VM



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