Kari Ikonen Trio "Beauteous Tales and Offbeat Stories" (Ozella Music, 10.04.2014)


Kaum zu glauben, Kari Ikonen (p), Ara Yaralyan (acc-b) und Markku Ounaskari (dr) spielten die 10 Tracks live im Studio ein. Ohne vorherige Absprachen. Kaum zu glauben, weil die Einspielung handwerklich ungemein lebendig und virtuos gelungen ist, weil die Stücke hochmelodisch und von komplexer harmonischer Struktur sind, weil ungemein Tiefgang und kompositorische Qualität zu spüren sind. Kari Ikonen hat in der rechten Hand ein ausgeprägtes melodisches Gespür, das bisweilen dem akustisch spielenden Chick Corea ähnlich ist. Bisweilen.
Ara Yaralyan kommt aus Armenien, und brachte eine armenische Komposition ein, die in seinem Arrangement steht. Sein Ton ist warm, tieflyrisch, hin und wieder von ethnischen Motiven und ebensolcher Spielweise durchzogen, weniger indes. Überwiegend ist sein Spiel vollständig Jazz und von einer beruhigenden Vollmundigkeit, die ebenso wie das lebhafte, kraftvolle wie nachdenkliche Spiel Kari Ikonens beeindruckt und fesselt. Der gestrichene Bass in Solo-Passagen ist nonchalant, fast karg und tief lyrisch. Kurz angesetzt und wenig ausgestrichen.
Markku Ounaskari ist Finnlands Jazzmusiker des Jahres. Gut, dass es so etwas gibt. In Deutschland werden solches Bürokratieschlipsträger kaputt zu quatschen wissen. Sein Beitrag ist ebenso harmonisch wie zurückhaltend, kaum energisch forciert, doch sobald ein kraftvolles Thema gespielt wird, betont sein Spiel die Dynamisierung. Sehr intuitiv, technisch versiert, leiser als lauter, die Atmosphäre der Songs dezent und doch kantig unterstützend und markant prägend, wirkt sein Einsatz, trotz der unabgesprochenen Arrangements, einige Stücke sind gar freie Improvisationen - und danach klingen sie nicht, zu strukturiert, vielschichtig und kraftvoll wirken die Themen - stets fesselnd.
In 10 Tracks, die insgesamt 49:17 Albumminuten ausmachen, hier in nur 82 Sekunden, dort in über 9 Minuten erzählt sind, ist die Atmosphäre trotz einiger kraftvoller Forcierungen entspannend und sanft. Dies ist Jazz mit Atmosphäre, der KEIN KITSCH ist und doch intime Situationen perfekt begleiten kann. Ebenso wird das Trio, dessen Instrumente allesamt für milden Klang stehen, äußerst interessant im Konzert sein. Und nur unbedingt empfehlenswert.
"Countdown" von John Coltrane ist dabei, ganz ohne Saxophon, sehr flüssig gespielt, von großer Lyrik und doch starkem Tastenansatz, das Schlagzeug mit Hand statt mit Sticks gespielt, derb sanfter Bass - großartig! Ein Track, so ist zu lesen, der vorletzte, stammt aus einem Bollywood-Film. Das Intro wirkt überladen und schwülstig, insofern ist noch etwas Bollywood in der Komposition. Und ein ethnischer Zug bleibt erhalten. Doch das hochmelodische, lebhafte Motiv wird ganz zu Jazz, leichtem Bar-Jazz mit klaren Pianolinien, sauber unterstützender Bassarbeit, präsent aber dezent im Off, und kantig swingendem Schlagzeugspiel. Ohne zu wissen, dass dies ein Bollywood-Track ist, würde ich das Stück nicht ebenso erkannt haben.
Zuletzt fließen 6 balladeske Minuten ins Ende. Das letzte Stück, Kari Ikonens Komposition, ist ein echter Rausschmeißer. Die Bar ist leer, die Sonne geht auf, die Mannschaft macht sauber und der Pianist, der letzte Besoffene mit stets nüchternen Fingern zum trunkenen Kopf, und seine aktive und schon etwas trübe Mannschaft geben der leichten Note ausgefallene, witzige Partikel und den letzten Schwung.
Gut, wer im Anschluss nicht einpacken und nach Hause wandern muss, sondern im Wohnzimmersessel versinken kann. Und dort nicht mehr hoch will.

ozellamusic.com
VM



Zurück