Judy Dyble "Flow And Change" (Gonzo Multimedia, 01.07.2013)

'Women lay silent with dreams in their hair' - besser als mit dieser Zeile aus dem Song "The Sisterhood of Ruralists" aus ihrem neuen Album "Flow And Change" ist der kuschelweiche Folkrock Judy Dybles nicht zu beschreiben. Auch wenn sie reifen, Mädchen lieben Mädchenmusik, je älter, umso mehr. Die sanfte, dunkle und gut gealterte Stimme Judys wird von perlendem Piano, schwebenden Streicherklängen, weichen Keyboards und leiser Rockband umhüllt. Partiell wir ein Song in der Tat einmal kräftiger und lauter, sitzt die elektrische Gitarre selbstbewusst am Bühnenrand. Doch wenn auch ein Recke wie Pat Mastelotto am Schlagzeug arbeitet, die Rockbesetzung die Songs dominiert, bleiben die liedhaften Tracks doch lyrisch & schöngeistig, haben nichts Angriffslustiges, nichts Männliches, sind nie kantig oder wild - und doch, ganz ohne instrumentale Extravaganzen und angeschrägte Parts läuft der lieblich sonntagmorgendliche Sound nicht ab.
Judy Dyble war Ende der Sechziger des letzten Jahrhunderts erst bei der Incredible String Band, kurz bei Fairport Convention, nur für das Debütalbum, sie suchte mit Ian McDonald nach einer neuen Band und landete bei Giles, Giles & Fripp, aus denen später bekanntlich King Crimson wurde. Ihre Demoaufnahmen aus dieser Zeit wurden im Jahr 2001 als "The Brondesbury Tapes" veröffentlicht. Sie sang eine frühe Version von "I Talk To The Wind", die bereits 1976 unters Volk kam. Bald war sie bei Trader Horn, kam mit den Resten von Delivery zusammen - und war noch Anfang der Siebziger wieder aus der progressiven Musikszene verschwunden. Zu Beginn der Achtziger war sie kurz zu sehen und hören, dann erst wieder 1997 und 2002, als sie mit Fairport Convention auf Festivals auftrat. Ab 2004 spielt Judy Dyble Alben unter eigenem Namen ein, zuerst "Enchanted Garden". "Spindle" und "The Whorl" folgten 2006, "Talking with Strangers" 2009, "Starcrazy" 2011, daneben legte sie EPs, Download-Alben und Kollaborationen mit anderen (wohlbekannten) Künstlern auf. Richtig, so macht es den Anschein, legte Judy Dyble erst Ende der 1990er Jahre los.
Harmonische Streicher- und Bläserarrangements schweben um Judys Stimme, von Bass und Piano begleitet, die überwiegende Anzahl der 10 Songs ist balladesk elegisch, sanft und einlullend, Instrumentalfreaks werden vollständig unterfordert sein. Es sei denn, sie wechseln zur Hingabe an Judys Feenstimme, die aus Barnabys Welt stammt, in ihren Texten esoterische Weltsicht aufmacht und in allem nur Ausdruck von Liebe zu Natur, Melancholie und Verträumtheit ist.
Wenn junge Zuhörer bald vor Langeweile vom Sessel rutschen, wird die alte gewordene Folkrock-Hörergarde wohl so manche nostalgische Träne vergießen, wenn sie im holden Privatum zu dieser Soundpille greift.
Und warum nicht?

VM



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