Jam Camp "Black Hills Jam" "Live" (Flying Spot Records 2004/06)

Woran ist die Qualität einer Band festzumachen? An ihren technischen Möglichkeiten? Ihrer stilimmanenten Extravaganz? Überhaupt: der Durchsetzungsfähigkeit gegenüber den Helden und Klassikern ihres Genres?
Dann haben Jam Camp sofort verloren. Viel Werbung ist mit der amerikanischen Band gemacht worden, positive Reviews sind auf Websites und Heften allerorten nachzulesen. Und da ist viel Gutes geschrieben worden, for sure. Jam Camp sind eine illustre Band, begabt, versiert, leidenschaftlich und virtuos - doch da muss mehr sein.
Die Amerikaner sind, und das wird bereits auf den ersten Höreindruck ganz klar, eine Nachwuchstruppe. Die "alten" Bands in den Siebzigern, die Jam Rock geprägt haben, wie die Allman Brothers Band, um nur den Höhepunkt der Szene zu definieren, haben intensive Leidenschaft in komplexer Musiksprache erfunden, die ihresgleichen sucht und nicht ohne weiteres getoppt werden kann. Jam Camp reihen sich da in eine lange Schlange ähnlich orientierter Bands ein, die längst nicht die Energie, nicht die kompromisslose Komplexität und Jazztrunkenheit in allem radikalen Rock'n'Roll der Vorbilder nachvollziehen können.
Jam Camp sind eine typische neuzeitliche Band. Ihre Songs sind angenehm und lieblich, und das Wichtigste, sie spielen nicht wie die Alten. Ihre Songs sind nett und beschwingt, selbst die rauen Gitarrensoli und das komplexe Schlagzeugspiel können da nichts retten. Hier gibt es kein inneres Beben, keine emotionale Erregung, kein lustvolles Dahinschmelzen. Die Musik ist nett anzuhören, aber kein Mensch kommt dabei auf die Idee, sich die Kleider vom Leibe zu reißen oder sein Leben zu hinterfragen. Es gibt nichts in den Songs der Band, was wirklich vom Hocker reißt, was süchtig, unbeherrscht, hingerissen macht.
Jam Camp musizieren im improvisativen Jam Rock Stil, es gibt Country, Jazz, Blues, Rock und, OK, auch eine Prise Prog, wenn man so will, es gibt Energie und Lautstärke, aber es gibt keine Sucht. Jam Camp machen keine Rockmusik, sie machen Kultur. Kultur auf die Weise, die sie geprägt hat. Und dabei sind sie, und das findet ihr heraus, wenn ihr die CDs der Band jetzt hört und dann in einem Jahr erst wieder, brav, bieder, und schrecklicher Weise wahrhaft konservativ. Alles bleibt hinter den Möglichkeiten des Jam Rock zurück, die Songs sind wenig komplex, wenig energisch, wenig spannend, wenig explosiv. Die Jungs verstehen nichts von Musikdrogen, nur etwas von netter Unterhaltung, wie es in der heutigen Zeit allerorten aus allen Stilsuppen dringt - und Progressive Rock, diese vergewaltigte Hure, macht wie Jam Rock da keine Ausnahme. Ihr wisst das längst selbst.
Keine Frage, die Jungs sind gute Handwerker. Vielleicht, um es auf den Punkt zu bringen, ist gerade Saxophonist Steven Munger der schwächste Punkt in der Kapelle. Seine ausgedehnte und weit reichend eingebrachte Arbeit ist beängstigend behäbig, hat kein Stück Jazz und wilden Rock, sondern ackert sich brav und mit sauberem 80er Jahre-Studioklang durch anspruchsvolle Notenskalen, das macht der Mann technisch sicher gut, ohne aber mit seinem klaren, zarten Ton mehr als das kuschelig eingerichtete Wohnzimmersesselwohnzimmer, die Musikfreaks, die nach Erlösung aus der Tristesse des öd-grauen Alltags lechzen, anzustiften oder zum Niederknien hinzureißen. Die anderen Jungs der Band sind zwar etwas böser, bissiger und rockbetonter, ohne aber wirklich den Durchknall in die nächste Dimension zu prophezeien.
Jam Camp ist ein saugeiler, cooler Name. Die Musik, so kuschelig nett sie ist, wird dem nicht gerecht. Und es ist mir sauunwohl, das zu sagen, denn ich warte seit langer Zeit darauf, dass endlich mal wieder eine Band auch in diesem Genre aufräumt und das Pseudoparadies vertreibt, um die klaren Linien der abstrakten Welt in seiner Wirklichkeit zu zeigen. So wie ihr selbst.

VM



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