Grateful Dead "Live at the Cow Palace - New Years Eve 1976" (Warner/Rhino, VÖ: 26.01.2007)

Deadheads sind es gewohnt, jede Menge selbst beschriftete, staubanfällige Kassetten in ihrem Musikregal liegen zu haben. Grateful Dead, das ist längst nichts Neues mehr, hindern ihre Fans nicht, zu bootleggen, sondern fordern sie geradezu dazu auf. Mancher Deadhead hat es gar bis auf Jahre an Konzertmaterial in unterschiedlichster Qualität gebracht, selbst aufgenommen oder getauscht, wie es in der Szene üblich ist.
So wird auch dieses Konzert vom 31.12.1976 im Cow Palace, Dale City, Kalifornien, USA, nicht nur den Spezialisten der Szene wohl bekannt sein. Als Radiokonzert ausgestrahlt - schon zu Beginn meint die Band, die Leute mögen es sich vor dem Radio gemütlich machen, sie hätten jede Menge Songs dabei - ist die Show mit vielen Songs, darunter etlichen langen Jams - obschon die Band mit diesem Konzert eine Abkehr von den ultralangen Jams startete - als Meilenstein in die Bandgeschichte eingegangen.
Jerry Garcia, Donny Godchaux, Keith Godchaux, Mickey Hart, Bill Kreutzmann, Phil Lesh und Bob Weir spielten einen mehr als dreistündigen Konzertmarathon. Von den 22 Songs sind etliche um oder über 10 Minuten lang, einige weit darüber hinaus. Viele kurze liedhafte Stücke sind dabei, die wenig instrumentale Landschaft zeigen. In der Mehrzahl sind jedoch die Songs, in denen die Band ins Ungewisse aufbricht, wie etwa in "Playing in the Band", in dessen jazziger Weite die Band die Zuhörer verunsichert, scheinbar jeden Augenblick in der aufgewühlten Klanglandschaft strandet, jedoch mit sicheren improvisativen Mitteln aus der themenkomplexen Weite zum Song zurückfindet. Spannend! Dieser Art Improvisation sind einige auf den 3 CDs der wunderschön aufgemachten Box.
Was ist das Besondere an der Musik der Band? Grateful Dead sind nicht so südstaatenrock-heavy wie Lynyrd Skynyrd, nicht so jazzig wie die Allman Brothers Band, nicht so versiert wie die Dixie Dregs es waren (oder in dieser oder jener Form noch sind), ihre tief amerikanische Rockmusik ist eingängiger und weniger hektisch als die vergleichbarer Bands. Vielleicht ist es die Art, wie sie mit ihren Songs die amerikanische Seele ansprechen und ein Gefühl romantischer Freiheit imaginieren. Ganz tief und vollkommen geht der folkloristische Rock'n'Roll wohl erst auf, wenn die lauschenden Fans, wie oft auf Konzerten von der Band selbst aufgefordert, sich einen Joint anstecken und im lasziven Genuss der Songs drogenumnebelt ganz aufgehen.
Obwohl dieses Konzert schon auf vielen privaten Tapes in mehr oder weniger guter Soundqualität herumgeistert, gewiss tausendfach kopiert, darf die ausgesprochen schön aufgemachte Box - nur so haben reguläre Konzert-CDs der Band überhaupt eine Chance, vom Publikum angenommen und gekauft zu werden - den Fans der Band empfohlen werden. Zum einen, wie just gesagt, ist die CD-Box topp aufgemacht, hat ein 16-seitiges, informatives und bebildertes Booklet und zum anderen, und das dürfte bei denen, die überlegen, der letztlich ausschlaggebende Punkt sein, ist auf der dritten CD die zweite Zugabe mit den Songs "Uncle John's Band" und "We Bid You Goodnight" enthalten. Die Radioshow war da schon zu Ende gewesen.

VM



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