Gov't Mule "Mighty High" (Blue Rose, VÖ: 19.10.2007)

Was niemals jemand gedacht hatte: es gibt zwei Bands mit dem Namen Gov't Mule. Erstaunlicher Weise jedoch spielt in beiden Bands ein Gitarrist namens Warren Haynes, und die gleichen sich auch noch aus, wie ein Ei dem Anderen. Was stimmt hier nicht?
Denn diese Gov't Mule - das können bei Leibe nicht diejenigen sein, die den, wie man heute so verallgemeinernd sagt, Jamrock spielen, für den der Name bekannt geworden ist. Oder doch? Immerhin können diese Gov't Mule, kann diese Dub-Formation, auch ganz gut und heavy bluesrocken!
"Mighty High" wird als das "Dub"-Werk in die Bandgeschichte der Allman-Brothers-Nachfolger Gov't Mule eingehen.
Zuerst wollte ich davon nichts wissen. Das soll Gov't Mule sein? Was machen die hier für einen Scheiß?!?
Doch dann, so peu á peu entblättert der Widersinn, bis er entschwindet, sich in Wohlgefallen auflöst, und diese Songs ihren besonderen Charme sprießen lassen können. Klar ist hier vieles anders. Aber nicht alles. Die Leib-und-Magen-Bluesjazz-Rocker treiben immer noch scharfe Gitarrenattacken über, dieses Mal von Bass getriebenen, Reggae basierten Dub-Groove. Zuweilen klingt das, mit seinem erstaunlichen Soul-Anteil, wie eine uralte, moderne Version von Rare Earth, wenn auch nur partiell.
Einige Songs schlendern entspannt und instrumental dahin, gedankenversunken. Sie lassen die Handtaschen schwingen und summen versonnene Melodien. Manche Tracks lang scheint nicht viel zu passieren. Nicht mehr, als dass die Stücke einfach ihres Weges ziehen, instrumental zur Sonne unterwegs sind und am Strand die frische Luft genießen. Die instrumentale Landschaft zieht vorbei, wie ein dichter Urwald, in dem fremde Tierarten von Ast zu Ast springen.
Dub in diesem Rockkleid ganz ohne poppigen Kitsch ist nicht nur soundtechnisch elegant und erhaben. Das hat einiges von Psychedelic Dancefloor, so klingt der Soundtrack für die Hippiefestivals des Jahres 2008.
Hier und dort sind einige freejazzige Dub-Trompeten zu hören, die wild und elegisch über den melancholischen Soundbrei fetzen wie ein ferner Sturm. Der Klassiker "Play With Fire", hier in einer ganz eigenen, virtuosen Variante, hat als Gast Michael Franti, dessen Freestyle Vocals dem satten Dub-Bluesrock samt schräger Psychedelic Extravaganzen die entsprechende Vokalisierung gibt. Hinhören ist angesagt!
Wie kommen die angejahrten Jungs dazu, solcherlei Sound zu kreieren und sich dabei auch noch perfekt anzustellen? Das liegt sicherlich am mysteriösen Zauber von "Voodoo Chile", dem Bonustrack des ebenfalls dieses Jahr (wieder) aufgelegten Live-Albums der Truppe, dessen Hendrix-Geist den Dub-Geist heraufbeschwor. Aber doch niemals Drogen!
Die großflächige Einbeziehung des Dub in die Gentleman-like geführten Bluesrocker lotet eine emotionale Tiefe und verwegene, dabei lässige und selbstbewusste Rhythmusführung der Songs in aller melodischen Besonderheit aus, dass nur staunen bleibt - ist was Besonderes, und was besonders Angenehmes.
Nicht nur Warren Haynes ist ein grandioser Musiker an seinem Instrument. Diese Band und ihre Gäste haben, in verschiedenen Studios und auf Bühnen (mit späterem Remix) virtuose, lebhafte, groovebetonte, flüssige, heiße Songs erschaffen, die mit Ecken und Kanten sehr wohl in die Gehörgänge einbrechen und die Sinne einnehmen.

VM



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