Ginger "Seahorse (hippocampus heptagonus)" (Ginger/Taliesyn Productions 10/2011)

Schaut euch nur das Cover an. Wie simpel, wie schick. Und da fällt auf, wie fabelhaft der Name der Band gewählt ist. Design mit Offenbarung.
Die Schweizer Psychedelic Bluesrocker legen auf ihrem zweiten Studioalbum nach "Going Through Arlanda" (2010) gut los. "Yeager" ist der perfekte Opener: heavy, schnell, rau, rüde, kraftvoll; in den 5 Minuten passiert viel und genug, dass die Neugierde auf die folgenden Songs wächst. Die beiden Gitarristen (und Sänger) Marc Walser und Michael Bütikofer beweisen technisch illustres Handwerk, inspirierte Melodiearbeit und rasante, emotional ins wahnwitzige hochpeitschende Gitarrensoli. Seine Trompete setzt Michael Bütikofer indes nur zweimal an, war wohl diese Mal nicht der rechte Platz dafür. Doch wo und wie er die Trompete einsetzt, lebt und bebt der Song.
Ariane Bertogg donnert mit fett grollendem Bass durch die Blitzgeschwindigkeitsrocker und brummelt satt durch melancholische Dämmerballaden. Dominik Jucker pfeffert seine Mitarbeiter mit vitalem, heftigem Spiel an, das nicht überaus komplex, doch schön differenziert und aufgefächert ist und jedem Motiv notwendigen Druck gibt oder laszives Schlendern erlaubt. Ein paar Gäste kommen zum Einsatz. Stefanie Kobza mit fabelhaft zart-dunklem Cellospiel in der 8 Minuten langen, wunderbar düsteren Ballade "Painful Hours" - die heftig hochtouren kann, um der Schwermut volle Dröhnung zu geben - und im skizzenhaften "No More", das kaum weniger nachdenklich und intensiv ist. In "200 Horses", einem weiteren verträumten Stück, wabern die röhrenden Hammondsounds auf, die Gast Benj Hartwig beiträgt. George Vaine singt "Father".
Auf den ersten Eindruck ist die Studioarbeit Gingers gebremster und balladesker als der lebhafte freestyle Bluesrock auf ihren Livescheiben. Die Songs sind konzentrierter, produzierter, organisierter. Und doch ist nicht weniger Leben drin. Es gilt, die CD vielfach zu hören, bis die Songs sich aufmachen und das ganze Instrumentalgeschehen vertraut wird.
Mancher Song wirkt indes tatsächlich wie Schablone für Improvisationen, für Konzertinterpretationen, und als sei die Band viel lieber auf der Bühne vor Publikum als in der technischen Studiotrockenheit. Nicht alle Ideen wirken ganz ausgereift, tuckern etwas trübe und unterernährt auf 75%, doch nichts an der CD ist vollkommen fehl am Platz oder blöd.
Besonders gut, und zwar ganz besonders gut ist das die CD abschließende und leider nur 3 Minuten lange "Inside I'm Free". In der wüsten Instrumentalattacke zelebrieren Ginger heftig explodierenden Jazzrock ordentlich free und heavy. Da ist eine Vorliebe zu hören, die noch wenig ausgebrochen ist und aus der Reserve gelockt werden muss. Live wird da gewiss noch mehr passieren, doch schon hier ist mordsmäßig Leben drin. Und insgesamt machen Ginger ihre Songs auf der Bühne lebendiger und wilder. Die Studioarbeiten indes sind keine blassen Anspannungsverkrampftheiten, sondern von großer Intensität und vor allem - Intimität.

VM



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