Eivind Aarset & The Sonic Codex Orchestra "Live Extracts" (Jazzland Recordings, VÖ: 20.04.2010)

Der Titel ist simpel: ‚Live Extracts'. Was musikalisch darin steckt, ist so unglaublich viel, so grandiose und aufregend, dass der Name des Albums nur schmunzeln lässt. 4 Songs wurden während des Jazzfestivals in Moers aufgenommen, einer stammt vom Jazzfestival Saalfelden and Domicil in Dortmund, einer ist ein Split, während der Leipziger Jazztage und dem Casa Del Jazz in Rom mitgeschnitten, der letzte Track auf der CD wurde im "Rehearsal Space" des Schlagzeugers Erland Dahlen eingespielt.
Die 7 Tracks fließen aus ambientem Jazz, entwickeln sich sphärisch-elegisch, hauchen ihre Melodiemuster elegant aus und gehen wie eiszarter Nebel über krustigen Frostboden. Da klingen ECM-Traditionen durch, wie sie vor allem in den Siebzigern von eben diesem Label favouritisiert wurden. Terje Rypdal hat sein genetisches Kompositionsmaterial in Aarsets Geist vererbt, aber da ist viel mehr anderes noch. Düstere Folkeinflüsse Norwegens und brachialer Psychedelic Jazzrock sind starke Merkmale, europäischer Jazz, Progressive Rock, und das edle Erbe der alten großen Vorbilder Jimi Hendrix und Miles Davis.
Eivind Aarset spielt Gitarre und Electronics in allen Tracks, begleitet wird er von Björn Charles Dreier (g, Pedal steel), Audun Erlien (b) und Wetle Dahlen (dr, electr, perc) in allen Stücken, partiell zudem von Gunnar Halle (tr, synth) und Erland Dahlen (dr, perc), als Gäste sind Håkon Kornstad (sax) und Torstein Lofthus (dr) gelistet.
Die technisch ohne Frage erlesene Crew hat Aarsets Songs live auf der Bühne inspiriert auseinander genommen und improvisativ erweitert, um radikale Facetten und lichte, sphärische Ambientharmonien ergänzt. Typisch oder tausendfach gehört ist hier nichts, zwar ist der ECM-Eindruck stark, aber längst nicht in Gänze, sondern nur partiell, und da als positive, charmante Note.
Die zartesten Motive und Minuten sind die jazzigsten, sobald die Band einsteigt, macht sich esoterisches Rockflair breit, das in brachiale Lautstärke ausbrechen kann und noisige Extreme auffährt, die in den ambienten Partien kaum gedacht werden können. Die Band lässt sich Zeit und geht die Songs genüsslich an, Hektik gibt es nicht mal in den aufgefahrendsten Passagen, und selbst die krachigste Dramatik noch hat tiefste, entspannteste Melancholie.
Wunderbar ist nicht nur die Entwicklung der Songs, nicht die leise und die laute Note der Tracks, nicht das illustre Spiel der Band und die kraftvolle Improvisation, die oftmals von der ganzen Band gemeinsam ausgeführt wird. Zuerst ist die Intuitivität und laszive Note der urtypisch skandinavischen Songs in ihrem epischen Moment beeindruckend und hinreißend, die lyrische Tiefe in dieser ihrer abstrakten Melodiesprache.
Es gibt nur einen Fehler. Eine 2CD hätte da weitaus mehr Hunger gestillt. Und nix ‚Silence is the new loud'.
Für Genießer!

eivindaarset.com
jazzlandrec.com
VM





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