Deep Purple "Live in Stockholm, 12. November 1970" (Purple Records 2005)

Im Frühsommer 1975, noch keine 10 Jahre alt, hielt ich "In Rock" von Deep Purple in meinen Händen. Mein Wunsch war in Erfüllung gegangen. Eine echte LP der besten der 15 Bands! Ich lernte alles auswendig, was auf dem Innen- und Außencover stand, kannte die Texte und natürlich die Musik, vor allem Seite 1 hätte ich im Schlaf runterrasseln können. Jede Note, jeder Beckenschlag, jede gewaltige Härte, jede leise Hauchen. Besser konnte keine Band, keine Platte, kein Song sein. Der Band habe ich meine Sozialisation zu verdanken. Als die anderen Kids in meiner Schulklasse mit NDW und seltsamen Haarschnitten und Klamotten durch die Gegend liefen, war ich der Einzige mit langen Haaren und zerrissenen Jeans (die mit den 39 Flicken habe ich immer noch!).
Anfang der 1980er bekam ich eine andere Platte der Band (da wusste ich noch nicht, wie viel Zeug DP auf den Markt schmissen): Deepest Purple, darauf ein Aufkleber mit Tourdaten. Da saß ich nun auf Rügen, heulte wie ein Schlosshund, wünschte mir, die Band live zu sehen und träumte davon, mit Ian Gillan zu quatschen und war wütend auf diesen Scheißdreck namens DDR. Gott, war das grauenhaft! Ich hätte Terrorist werden können.
Später lösten Led Zeppelin, YES und Premiata Forneria Marconi die Vorliebe für Deep Purple ab. Und Gentle Giant waren (und blieben) das High End der "guten" Musik.
Black Sabbath hatten einen Scheiß Sänger und Uriah Heep neben ein paar netten Songs (wie "July Morning") ätzenden Schnulzen-Mist wie dieses grottendoofe "Lady in black". Deep Purple hatten "Child in time", keiner war besserů

Die "In Rock" Tour brachte die Band (natürlich Blackmore, Gillan, Glover, Lord & Paice) auch nach Schweden. Die Aufzeichnung nicht nur des Konzertes vom 12. November 1970 im Stockholmer Konserthuset gab es auf Bändern, Bootleg-LPs und CDs in rauen Mengen. Die Aufnahmen vom 12.11.70 wurden 1988 als "Scandinavian Nights" angeboten. Aber diese ganz neue Produktion ist wegen ihres grandiosen Klanges und natürlich des musikalischen Inhaltes wegen besonders empfehlenswert. Der Klang ist restauriert und remastert worden und so fein, als sei das Material offiziell zur Veröffentlichung vorgesehen gewesen (was es ja vielleicht auch war). Das Booklet widmet sich ausführlich mit Höhen und Tiefen der Tour und geht auch auf das Konzert in Stockholm ein, wo die schwedische Band Life im Vorprogramm auf der Bühne stand.
8 Tracks füllen die 2 CDs. Das spricht für lange Songs, und so ist es auch. "Introduction" ist etwas über 2 Minuten lang, Ritchie Blackmore macht ein wenig Skalenübung, die anderen schalten Tasten an und drehen an Reglern rum. Bis schließlich ein ziemlich entspannter Ian Gillan den ersten Track ankündigt. "Speed King" ist über 11 Minuten lang, "Into the Fire" über 5 und "Child in time" bringt es auf 19 Minuten. "Wring that Neck" ist von fetter 30 Minuten Dauer.
CD2 beginnt mit dem Stones Cover "Paint it black" (12 Minuten) inklusive dem obligatorischen langen Schlagzeugsolo von Ian Paice, dann folgen "Mandrake Root" (31 Minuten) und "Black Night" (7 Minuten). Die Jungs halten sich nicht lang in den komponierten und von den Studioversionen bekannten Strukturen auf, sondern gehen in freie Improvisation über, was stellenweise mehr nach Jazz als nach Rock klingt und die Musiker als exzellente Solisten und einfühlsame Improvisatoren zeigt, Ian Gillan als Sänger ist davon nicht ausgenommen. Seine Stimme, seine gigantischen Schreie und zwischendurch eingebrachten abgefahrenen "Gesänge" gehören ebenso zum solistischen/improvisatorischen Spiel, zur langen Jam, wie Glovers Bass und Paice' Schlagzeug. Doch vor allem, jeder weiß es, machen sich Lord und Blackmore die Hölle heiß. Da wird gerockt, dass es eine Freude ist und die einfließenden Stilmittel kommen aus Klassik, Pop, Blues und Jazz. Erstaunlicher Weise beginnen die endlos langen Improvisationen kraftvoll und hart, um immer mehr zu intimen Jazz- und Klassikintonationen zu werden, in die zur Aufmunterung des wilden bis ambienten Ausflippens lustige und markante Motive gestreut werden. Vor allem Ritchie Blackmore hat Gefallen daran, Klassisches, Jazz, damals bekannte TV Motive, Evergreens und Popzitate einzubringen und die eben noch in die eine Richtung gehende Orgie damit in die nächste zu leiten. Die wohl beste Phase der Band, noch ganz ohne Funk und Pop, ist vor allem live sehr interessant gewesen. Hier sind die radikalen Untiefen der Band zu erfahren, alles klingt frisch und neu. Das wird in meinem kleinen CD Regal jetzt neben "In Rock" stehen.

deep-purple.net
purplerecords.net
VM



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