Conjoint "A Few Empty Chairs" (Büro/City Centre Offices 2007)

Jazz hat tausende Gesichter. Seine Entwicklung hat Jahrzehnte verschleißt, Stile ausgenuckelt und Einflüsse vielfältig ausgeteilt und eingesogen. Was heute Jazz genannt wird, wäre in 1955er Ohren kaum als solcher wahrgenommen und wäre vermutlich nicht mal als Pop erkannt worden, weil es derlei damals auch nicht gab. Viele Platten aus der alten Zeit, aus 1955, leben heute noch, überzeugen mit ihrem ganz eigenen, lebendigen, und zeitlosen Klangeindruck. Jazzrock seit Ende der Sechziger griff tief in die Rockmusik hinein, danach war alles möglich. Punkjazz, Popjazz, Ambient, Acid Jazz, Drum'n'Bass - aktuelle Ausgaben von Jazzmagazinen haben kaum klassischen Jazz auf ihren Seiten, alles ist Pop. Ausnahmen bestätigen die Regel.
Zum Beispiel Conjoint. Ein eigenwilliges Projekt. Zwei Jazzer, Gitarrist Gunter Ruit Kraus und Vibraphonist Karl Berger und zwei elektronische Klangtüftler, Jamie Hodge und David Moufang, sowie partiell Gäste an Trompete, Klarinette, Gitarren und Stimme intonieren einen zarten, tiefgehenden, lyrischen und melancholisch sphärischen, lautmalerischen Jazz, der wohl unvergleichlich ist. Karl Berger ist ein begnadeter Vibraphonist, der mit traumhafter Intuitivität und energischer, spannungsreicher Melodik seinem Instrument grandiose Töne entlockt. Die Klarheit und Eindruckstiefe des Klanges der Vibraphontöne ist geradezu berauschend!
Das Gitarrenspiel Gunter Ruit Kraus' scheint dagegen kaum wahrnehmbar. Erst im zweiten CD-Durchlauf schließen sich die sphärischen, emotionalen und begeistert verträumten Klänge ganz auf. Die lyrischen Harmonien durchströmen dezent die Tracks, begrenzen den tonalen Raum und geben ihm Tiefe und Weite.
Die beiden Elektroniktüftler fügen knarzige, kratzende, abstrakte Sounds in die flüssigen Klangräume ihrer Jazzkollegen und unterlegen die Stücke mit zurückhaltenden, differenzierten Dance-Rhythmen, die nicht die Songs bestimmen, sondern von ihnen geleitet werden. Für einige Stücke verlässt Karl Berger sein Vibraphon und spielt am Piano denen seiner Vibraphonanschläge artverwandte Melodien, der Mann scheint einen Hintergrund im harmonischen Jazzrock/Fusion zu haben und spielt die perfekte Disharmonie grandios aus.
Die eindrucksvollsten Stücke sind die, in denen das Elektronikduo zu seinen schrägen Sounds greift und den Rhythmus der Atmosphäre des Songs überlässt, mein persönlicher Favorit: Opener "Blue & White".
Die stete Lyrik und Eingängigkeit aller Stücke hat gute Aussichten, im modernen Jazz und darüber hinaus gehört und anerkannt zu werden. Dazu meine Empfehlung. Vor allem jedoch sei ein Konzert des Quartettes Interessierten nahe gelegt, live ist die Stimmung gewiss von noch großartigerer Intensität, allein das Zusammenspiel des Gitarristen mit dem Vibraphonisten muss berauschend sein. Für Sommer/Herbst 2007 ist eine Tournee in Planung.

jazzforyou.de
VM



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