Chicken Shack featuring Stan Webb "Poor Boy - The Deram Years 1972-1974" (Castle Music 2006)

Diese äußerst interessante Produktion kann nur jedem Blues- und speziell Chicken Shack Fan unbedingt ans Herz gelegt werden. Die beiden CDs enthalten sämtliche Tracks der drei LPs dieser (besten) Phase der Band. Niemals wieder konnte die Band die Radikalität und Power zum Ausdruck bringen wie auf den Alben "Imagination Lady" (1972), "Unlucky Boy" (1973) und dem nur in Deutschland veröffentlichten "Goodbye Chicken Shack" (1974). 1967 hatte Stan Webb mit Christine Perfect (später Fleetwood Mac) in Shades 5 zusammengespielt. Im Anschluss gründete er Chicken Shack.
Stan Webb und Crew lassen ihre Bluessongs mit elektrischer Gitarre, wildem Bass und mörderischem Schlagzeug geradezu explodieren, das ist Heavy Metal früher Schule. (Judas Priest klangen ein paar Jahre später nicht viel anders und nicht viel härter!) Doch den großen Durchbruch hätte die Band, die in ihrem Heimatland Großbritannien niemals wirklich erfolgreich war, nicht geschafft, hätte sie die deutschen Fans nicht mit ihrem grandiosen Track "Poor Boy" verzaubert. Heavy wie Led Zeppelin und mit der Wildheit des Früh-Siebziger-Rock schneidet Stan Webb mit seiner Gitarre den Gehörgang in Stücke, dazu seine raue Stimme, das Schlagzeugspiel von Paul Hancox und die urbane Intensität John Glascocks am Bass (später Jethro Tull) - dieses Trio Infernale hat 1972 "Imagination Lady" eingespielt, neben "Poor Boy" das 11-minütige "Telling Your Fortune" mit langem Schlagzeugsolo und das harte "Crying Won't Help You Now" - allein die 7 Tracks der LP sind die 2CD wert.
"Unlucky Boy" schaltet nach dem Ausstieg John Glascocks und dem Neuzugang Bob Daisleys einen Gang zurück, die Heavyness des ersten Albums wird in keinem Song erreicht, nichtsdestotrotz sind die Gitarrensoli hinreißend gut. Was an Heavyness verloren ging, kam an Blues hinzu. Der schönste Track ist "As Time Goes Passing By" als 14. Stück auf der 1. CD. Die nonchalante Ballade mit Kitschstreichern und kraftvollem Schlagzeug ist Gefühl pur und hat wunderschöne Harmonien. Und weil's so schön ist, ist die Single-Version des Songs als letzter Track auf der 1. CD dabei, die somit 80 Minuten lang ist.
CD2 enthält das 48 Minuten lange und ursprünglich nur in Deutschland veröffentlichte Live-Album "Goodbye Chicken Shack". Auf Grund der großen Popularität der Band und ihres Hits "Poor Boy", der hier natürlich nicht fehlen darf, kam es zum Release der LP. In Großbritannien sah man die Musik der Band gelassen, in Deutschland wurde sie gefeiert. Stan Webb selbst wunderte sich darüber. Niemals, so meinte er, hätte er gedacht, dass dieser eine Song eine solche Magie entfalten und die Band so berühmt machen könnte. Zu den beiden LPs auf CD1 gibt es nur eine Überschneidung, die Live-Version von "Going Down" ist jedoch wesentlich länger als der Studiomitschnitt, das Gitarrensolo schön ausgiebig und heavy. Neben ihrem Kracher "Poor Boy" und einigen fetten Bluesrockern spielten Chicken Shack auch Rock'n'Roll, was im Live-Krawall etwas untergeht und nicht weiter auffällt. Erst 1994 wurde die Platte auch in England auf den Markt gebracht.
Die Aufnahmen sind digital remastert worden, das Live-Album leidet etwas unter der Live-Atmosphäre und einem etwas matschigen Soundbild, ist aber dennoch gut anzuhören. Das Booklet ist ein mehrfach aufklappbares Poster mit vielen Bildern, Abbildungen der Cover und einem ausführlichen Kommentar von Neil Slaven. Tipp!

VM



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