Hans Theessink "Slow Train" (Blue Groove, VÖ: 06.04.2007)
Timo Gross "Travellin'" (Eigenproduktion April 2007)
Marc Ford "Weary and Wired" (Blues Bureau/Provogue, VÖ: 16.03.2007)

Bluesbarden lassen sich gern auf den Covers ihrer CDs abbilden. Das war schon zu guten, alten LP-Zeiten so. Etwas Verruchtes, Revolutionäres strahlen diese Cover aus, früher waren das lange Haare, Dreitagebärte und Whiskey-Pullen in einer möglichst unaufgeräumten, antibürgerlichen Atmosphäre. Vieles davon ist vergangen. Zwar sind alle drei Gitarristen auf ihren Covers zu sehen, aber weitaus friedlicher und harmloser als ihre Vorgänger.
Hans Theessink, bei dessen Namen man unwillkürlich meint, ein paar zu viele Buchstaben verbaut zu sehen, hat zwar einen Hauch Rest-Langhaar, aber das freundliche Licht, die milde Umgebung lässt das Cover eher an den Film "Oh Brother, Where Art Thou?" erinnern als an wilde Bluesschlachten, und in der Tat ist "Slow Train", dem Namen alle Ehre gebend, ein leises, zartes Album; sehr harmonisch, voller lyrischer Motive und dennoch einiger Dynamik und lebhafter Kraft. Alles, wohl gemerkt, in Seidenpapier verpackt, mit den schwarzen Stimmen dreier Gastsänger verziert, die dem dezenten Blueshauch eine nostalgisch-kuschelige Note geben. Die Lyrics hingegen sind alles andere als leise und klagen Missstände an. Hier und dort, so habe ich den Eindruck, kommt Theessinks Lied etwas spät, wenn er über Terrorismus und die darauf reagierende Politik singt oder das Ende der Apartheid in Südafrika bejubelt. Keine Frage, das eine ist übel und das andere wunderbar, aber sind die Messen nicht gesungen und längst in der sumpfigen Schwere tagespolitischen Neuaufbaus untergegangen? Egal, der Mann hat Stimme und ein erstaunliches Gefühl für das Herauskitzeln einschmeichelnder Töne aus seiner akustischen Gitarre, kommt ganz ohne Klischees aus und wird Konzerte zu rührseligen Veranstaltungen werden lassen, in denen die Seele baumeln kann, wie sie sonst nicht darf. Gutes Album, und was das Revolutionäre betrifft, ist der "Slow Train" schon weitergedampft.
Timo Gross auf dem Cover seines Albums "Travellin'": Dreitagebart, kurze Haare, Gitarre und das Gesicht in verinnerlichtem Betrachten seines Gitarrenspiels verzerrt, davor riesige sich kreuzende Gitarrensaiten, im Innencover sieht der junge und soft wirkende Musiker durch die Kippe im Mundwinkel etwas anrüchiger aus, das zarte Blau als Farbe beider Coversaiten verhindert jedoch, dass es auch nur einen Hauch Düsternis oder Verkommenheit in der Abbildung des begabten Gitaristen gibt. So schleicht sich in die raubeinige Kunst des (einstig so gewünschten) "Underground-Sounds" des Blues eine behände Leichtigkeit, die in der Musik ihre eingängige Entsprechung findet.
Timo Gross hat, wie übrigens Theessink und Ford auf den ihren, alle Songs der CD selbst geschrieben. Schon einmal hat er 2005 mit "Down to the Delta" überrascht, so tut er es mit "Travellin'" ein weiteres Mal. Die frischen Songs rocken und rollen, schießen schnell ins Blut, haben den notwendigen knackfrischen Gitarrensound und mit Gross' Stimme eine wohltuende Rauheit. Zwar ist das Gros der Songs slow unterwegs, aber einige Stücke rocken flotter, deftiger und forscher. Wenn "Travellin'" nicht unbedingt Tanzmusik ist, kratzen die schweren Sounds doch wohltuend aus Wohnzimmerboxen, vor allem, wenn nach einem harten Fußballkampf fieser Weise die Sehnen an den Füßen gerissen sind und die Wohnzimmercouch der einzige Ort im Weltall ist, zu dem man sich für die Auszeit hingezogen fühlt. Gute Besserung, Dietrich! Die Lyrics, ein Manko, sind im schmalen Booklet nicht abgedruckt.
Marc Ford fängt mit "One Two…" an und lässt es von Anfang an krachen. Entsprechend das Cover, Ford auf dem Rand eines verwühlten Bettes in einer billigen Absteige, Gitarre und Kippe in der Hand, eine zerkratzte Lautsprecherbox neben sich, der graubraune Ton des Schwarz-Weiß-Bildes bringt verruchte Tristesse ins Bild, und das Bild an sich, das läuft, wie im Kino, wenn die Rolle schlecht eingelegt ist.
Im Unterschied zu den beiden anderen Barden strahlen Fords Songs eine stete Nervosität aus, klingen die Stücke mit Überhall unruhig und wild, derb und krachig. Auch hier gibt es keine Texte im Digipack, Bilder schmücken die Innenseiten der CD-Verpackung, Marc Ford mit Zappa-Bart, die Band, hier und dort im Raum verbreitetes Equipment. Rein äußerlich das wildeste Produkt harter Arbeit. Die Songs sind, neben aller Hektik und Wildheit, längst nicht das, was in der "großen" Zeit der Weltklasse-Bluesgitarristen gespielt wurde. Sie sind kurz wie die Soli, die Arrangements klingen neu und dem Zeitgeist des jetzigen Rock'n'Roll verpflichtet, der Gesang hat Harmonie und Zartheit. Fords Stimme besitzt weniger Rauheit als die von Gross', aber ebenso Klang und Volumen. In den 15 Songs steckt Kneipenfeeling und lebensfrohe Antibürgerlichkeit, aber das ist nur der äußere Eindruck, innen drin funktionieren die Stücke entspannenter. Das passt in jedes Wohnzimmer, ohne zu nett oder einfältig zu sein. Vielleicht ist "Weary and Wired" der Soundtrack des ins Bürgerliche gewechselten Einst-Freaks, der zwischen Heimwerken und Gartenarbeit längst seinen Grill und den PS-starken Motor im Vorderhirn hat. Klingt dann Marc Ford aus der guten Wohnzimmeranlage, sagt er beim Bier seinem alten Kumpel, der just vorbeischaut, es habe sich doch eigentlich nichts geändert…

VM



Zurück