Arti & Mestieri "first live in japan" (Moonjune Records, VÖ: 17.07.2007)

Von den vielen Reunions, die seit Beginn der 90er Jahre für etliche neue nutzlose CDs gesorgt haben, gibt es kaum interessante. Mit Ausnahmen. So sind etwa Colosseum heute ebenso interessant wie in ihrer großartigen Frühphase (wenn man die neuen Studio-CDs auch getrost vergessen kann). Ebenso ist es mit Arti & Mestieri. Die CD mit neuen Stücken ist kein Vergleich zum grandiosen Material ihrer ersten beiden Alben. Das ist der Truppe durchaus bewusst. So ist auf der Live-CD, die am 12. Juni 2005 im Club Cittá in Kawasaki/Tokio aufgezeichnet wurde, fast ausschließlich klassisches Material enthalten.
Das Publikum hat das Konzert genossen. Das hätte ich auch. Für die dabei Gewesenen muss ein Traum in Erfüllung gegangen sein. Die geliebten Klassiker, die sonst nur vom gepflegten Vinyl oder CD-Reissues zu hören waren, standen auf der Bühne. Sie waren da. "In echt!" In Japan, weit von Italien entfernt. Die Band kann also eingeladen werden, etwa nach Würzburg, Stralsund oder wo sonst die Fangemeinde sich stapeltů
Die ersten 5 Songs stammen von "tilt" (1974) - und zwar in der identischen Reihenfolge wie dort die erste LP-Seite. Sodann schließen sich 7 Stücke von "Giro di valzer per domani" (1975) an - nicht ganz so sklavisch angeordnet, aber ähnlich. "Kawasaki" ist eine Pianoimprovisation von Beppe Crovella, "Glory" eine wohl neue und mir unbekannte Popnummer, die nach weniger als 3 Minuten glücklicherweise wieder an ihrem Ende ist, nach zwei weiteren Klassikern von "Giro di valzer per domani" spielt die Band das 9-minütige "2000", das alt komponiert klingt, mir aber unbekannt ist, möglicherweise von einem der drei späteren Alben stammt und ebenso faszinierend und grandios ist, wie die anderen Stücke auf der CD (abgesehen vom Totalausfall "Glory").
Nur Beppe Crovella (key, p) und Furio Chirico (dr, perc) sind von der originalen Besetzung übrig verblieben. Alfredo Ponissi (ts, as, bs, fl) sieht angejahrt aus, alle weiteren, das wären Roberto Cassetta (b, back-voc), Marco Roagna (g), Lautaro Acosta (vi) und Iano Nicoló (lead-voc, perc) sind jünger.
Die heutigen Arti & Mestieri haben die Arrangements zum Glück nicht verwässert und spielen die Stücke nicht nur in den alten Arrangements, sondern auch im alten Geiste. Es gibt keine Popanbiederung, keine Zeitgeisteinflüsse (in den alten Kompositionen). Gar der lautmalerische Jazzgesang nicht nur in "Mescalo/Mescalero" klingt wie im Original, hat eher noch gewonnen, weil der Sänger ein Timbre wie Areas großartiger Sänger Demetrio Stratos hat, was ihm wohl bewusst ist und was er geschickt einsetzt.
Die Band galt in Italien damals als die Antwort auf das Mahavishnu Orchestra. Der leidenschaftliche Jazzrock klingt auch auf diesem Livealbum sehr druckvoll und energisch. Alle Facetten, die komplexen Parts, Soli und rhythmischen Breaks, die Härte der Songs und das illustre Geigenspiel - alles ist auf "first live in japan" zu hören.
Schön, festzustellen, wie gut und original die neuen Mitglieder sich die alten Songs angeeignet haben. Möglicherweise hat die Band im Konzert weitere neue Stücke gespielt. Gut, dass diese nicht auf der CD enthalten sind. Reunions alter Helden machen live gewiss Sinn. Die neuen Studiowerke sind zumeist eher peinlich, von Zeitgeist durchflossen und versuchen einen Spagat zwischen alten Ideen und neuer Identität, der keinem Fan gefällt.
Die Live-CD kann ich gut empfehlen. Wer die Band nicht kennt und auf grandiosen, sehr gut komponierten und technisch gespielten Jazzrock steht, sollte sich ein Geschenk machen und die Klassiker, die es längst auf CD gibt, zulegen.

artiemestieri.org
moonjune.com
VM



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