Anna von Hausswolff "Ceremony" (City Slang, 14.06.2013)

Um es gleich zu sagen: das Aufregend, Exotische in der Musik von Anna von Hausswolff ist nicht ihre Komposition, nicht ihre (beeindruckende) Stimme, sondern schlicht der Einsatz der Kirchenorgel. Das bedeutet nicht, dass die Songs der Schwedin darüber hinaus unbedeutend sind, jedoch ist der raumfüllende, in der Popmusik ungewöhnliche Orgeleinsatz in seiner schlichten Präsenz DAS Markenzeichen der gewiss nicht eindimensionalen Songs der Liedermacherin.
Zuerst einmal kam mir etwas anderes in den Sinn. Opener "Epitaph of Theodor" erinnert in seiner mahlenden Minimalistik an Philip Glass' Filmmusikklassiker "Koyaanisqatsi" aus dem Jahr 1982. Gewollter Teil der "Ceremony"? Wie dem auch sei, der Charakter des Stückes entwickelt sich und der Vergleich verliert sich, kehrt im Orgelklang indes einige Male wieder.
Die klassische Ausbildung ist zu erkennen, handwerklich, kompositorisch. Anna von Hausswolff weiß, was sie da tut. Und die Orgel ist nicht nur ein cooles abgefahrenes Instrument, das sonst keiner oder kaum jemand in der Popmusik nutzt. Anna von Hausswolff kann sich auf der Kirchenorgel ausdrücken, an Tasten, Pedalen und Registern. Sie muss einige liturgische Erfahrung besitzen, verschiedene Stücke und Motive haben Fugen-Charakter, wenn auch keinen klassischen. Der moderne Sound beweist sich in den weiteren Instrumenten, dazu in den Disharmonien, die im kirchlichen Klang so nicht vorkommen.
Die ersten beiden Tracks der 13 Stücke auf der 61:32 Minuten langen CD sind rein instrumental und gefallen mir in Komposition, Tiefe und Lyrik am Besten von allem, was auf der CD zu hören ist, obschon hohe Qualität wiederkehrt.
Im dritten Stück erhebt Anna von Hausswolff, die einer interessanten Familie entstammt, erstmals die Stimme. Der verhallte Klang scheint darauf hinzudeuten, dass hier wirklich in einer Kirche aufgenommen wurde. Schlagzeug und Bass unterheben fragil den sensibel melancholischen Klang. Annas Stimme erinnert ein wenig an Kate Bush, in der Stimmhöhe, in der Atemtechnik, etwas zumindest. Und so wie Kate Bush extravagante Songs schrieb und zelebrierte, tut dies auf ihre Weise Anna von Hausswolff.
Besonders gelungen ist die tiefe Lyrik der Fugen, die mit schweren Tiefen und dunkel mäandernden Höhen für düstere Atmosphäre sorgen, über die Annas Stimme klar und hell geht, als tanze ein Kind durch grau zerstörte Landschaft. Eine gewisse Verlorenheit und zarte künstliche Eleganz liegen im Gesang. Wo die instrumentale Begleitung elektronisch verfärbt wird, verliert sich die große Klarheit des Kirchenraumcharakters, und die wie elektronische Lyrik dämmert weitaus énormaler', weniger extravagant in den Raum. Mancher Song ist etwas lau, würde eine gute Portion Energie und Dramatik vertragen, vielleicht ist dies eine typische Männersicht. Doch so, wie die Songs zu hören sind, in ihrer steten Sanftmut und minimalistischen Verlorenheit, zarten Eleganz und schmeichelhaft wirkenden Klugheit lullt das Album auf Dauer sehr ein. "Ocean" ist so ein Stück. Wellen fließen lind ans Ufer, Dunkelheit greift den Tag, die Zeit verliert sich im Nichts. Sehr schön und angenehm, doch ohne die wahrhafte Kälte des Strandes etwas schal. "Sun Rise" zuletzt ist gepflegte Langeweile, sehr schön, gewiss, doch zu schmal in der zerflossenen Komposition. Als fehlte der Körper, sitzt ihre Stimme samt der verhallten Gitarre (?) im leer weißen Raum. Und wo der Körper fehlt, da kann Musik nichts bewirken.
Dennoch ist "Ceremony" eindrucksvoll. Der Albumtitel indes ist weit überhöht. 20 Jahre später wird Anna mit anderen Augen auf dieses Album blicken und sich erschrecken, wie selbstbewusst diese Überschrift "Ceremony" klingt, und wie wenig die Musik dem insgesamt entspricht.

VM



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