Algernon "Ghost Surveillance" (Cuneiform Records 2010)

Algernon sind das beste Beispiel dafür, dass jede Szene ihre Erneuerung bekommt, so oder so. Diese Chicagoer Band ist die nächste Generation. Inspiration ziehen die Post Rocker aus dem Jazzrock der frühen Siebziger, doch was sie daraus machen, klingt wie Nu Jazzrock - und ehrlich gesagt ist schon diese Bezeichnung nicht nur absurd, sondern pervers und idiotisch, aber letztlich treffend. Algernon sind Dave Miller (g, keys), Toby Summerfield (g), Katie Wiegman (vib, perc), Tom Perona (b), Cory Healey (dr, perc) und Leslie Beukelman (voc). Vielleicht gibt es nur eine Parallele: Tortoise. Doch das hinkt, Tortoise haben einen anderen Ansatz, sind Pop und Rock verbunden, wie es Algernon dem Jazzrock sind.
Vieles in den 10 zwischen 2 und 11 Minuten langen Songs hat alte Qualitäten: Melodieaufbau, instrumentale Arrangements, solistische Passagen und Bandinterplays, die Klangästhetik der Instrumente, der komplexe Ansatz und verspielte Songaufbau. Aber da ist mehr. Popavantgarde aus Elektronik und Alternative Rock, das billige Geklimper und Gedöns der aktuellen dämlichen Schrammelrockmusike, die wenig intensiv betriebene Komposition, die wie hingeschmissene Einspielung, die zwar konzentriert und punktgenau sitzt, aber nicht die Dichte und Unfehlbarkeit der ursprünglichen Szene besitzt. Algernon machen alles neu in eigenem Gustus, was ihr gutes Recht auf eigene Qualität ist, aber keine idealen Werte des alten Stiles in die heutige Zeit katapultiert, sondern darauf herumreitet und damit spielt, es damit sicherlich auch am Leben erhält, aber so verändert, dass verschenkt scheint, was einst Auszeichnung war.
Aber egal, was verwurstet wird. Die Band beweist Intensität, auf anderem Level, mit veränderter Orientierung und Konzentration auf neue Punkte, die eher 50s Smooth Jazz, Psychedelic Rock und Jazzrock verweben, als eine Avantgarde zu erschaffen, deren Qualitätsmaßstäbe Basis für die Zukunft neuer Musik sind. Es gibt reichlich Gründe, sich dem deftigen Sound hinzugeben und dem Experiment zu lauschen, die drahtigen Aufgefahrenheiten und verträumten Melancholiespielereien aufzunehmen, und kopflos in die Musiksuppe zu stürzen. Das elfminütige "Debrief and Defect" hat in seinem Grundmuster eine erstaunliche Ähnlichkeit zum Opener des einzigen Albums der leider längst verschollenen Japanjazzrocker P.O.N., "Yumin 3", was Zufall sein kann, so, wie sich das Thema in verspielter Verträumtheit entwickelt und erst zum Ende wieder zur heftigen Erregtheit zurückfindet, erstaunlich ist die Ähnlichkeit dennoch allemal.
Nu Jazzrock - nichts bleibt, wie es war.

algernonmusic.com
myspace.com/cuneiformrecords
VM





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