Gustavo Aguilar Get Libre Collective "Destinations" (Circumvention 2003)

Schlagwerker Gustavo Aguilar hat mit einer breiten Anzahl bekannter Größen aus der Jazz-Szene gearbeitet, hat eine beachtliche Diskographie, auch unter eigenem Namen veröffentlicht. "Destinations" ist das Debüt seines Get Libre Collective. Die 7 Stücke der CD sind zwar komponiert, aber nicht auf Papier oder in anderer Form festgehalten worden. Die Kompositionen sind Grundlage freier Improvisationen, im Studio entstanden und im Zusammenspiel der involvierten Musiker ausgebaut, entwickelt. Gustavo Aguilar spielt Schlagzeug, Todd Sickafoose Akustik-Bass, Eric Crystal Saxophon, Flax und Melodica, Chris Garcia Udu und Tabla und Robert Reigle das Tenorsax. Vom Instrumentarium keine ungewöhnliche Gruppe, wenn Flax, Udu und Tabla auch nicht allgemein gebräuchlich sind. Doch im Jazz, vor allem seit Weltmusik großflächig Eingang in Jazz gefunden hat, sind diese Instrumente längst etabliert, hat sich der typische Klang dieser Instrumente ins Bewusstsein der Musiker und Hörer festgesetzt. Die Improvisationen auf "Destinations" sind zwar stilistisch unabhängig im weiten Feld des freien Jazz angesiedelt, doch offenbart sich der Hang zu Weltmusik stets. Folklore an sich findet nicht statt, wenn sich auch gerade im 4. Song "N-6" durch den Gebrauch der Melodica französisches Flair entfaltet. Leider ist das Stück nur 2 Minuten lang und damit die Idee längst nicht ausgereizt, sondern, warum auch immer, heftig abgebrochen. Das ist völlig unverständlich, denn gerade das melancholische Motiv dieses Liedes hat besondere Tiefe und Dichte, eine warme Klangsprache und große lyrische Dimension. Ähnlich geht es bei dem folgenden "Transit Visa" zu, dass Modern Jazz frei assoziiert und ähnlich plötzlich endet, nur dass die Improvisation hier ausklingt und nicht abgebrochen wird. "Concept in Travel Comfort" hingegen ist die epische Ausarbeitung eines lyrischen Themas, das nach weltmusikalischem Beginn nervös und aufgeregt ist. Von besonderem Reiz ist das verspielt monotone "Different Paths, Same Destination" als Opener, das zerfahren und melancholisch dahinzieht, von einer tollen Bass-Spur illustriert und virtuosen Trommel- und Beckenattacken begleitet wird. Das komplette Werk, wenn auch aufgeregte, laute Töne gespielt werden, die in größter Erregung fast zu Free Jazz werden, neigt zu Stille. Fast ist es, als entferne sich die Musik vom Hörer, versenke sich und befreie sich von jeglicher Lautstärke, jeglichem Lärm und werde Gefühl, übrig bleibt Vibration, Empfindung. So kann, wenn auch das 4. Stück ungenügend beachtet und radikal abgebrochen worden ist, "Destinations" eine ungemein fesselnde Erfahrung sein.

gustavoaguilar.com
circumventionmusic.com
VM



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